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«Zug der Erinnerung» startete

6. Dezember 2007 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Archiv

«Zug der Erinnerung» startete

Großes Interesse an allen bisherigen Stationen

Frankfurt . Am 9. November startete auf Gleis 1a des Frankfurter Hauptbahnhofs der «Zug der Erinnerung» zu einer 3000 Kilometer langen Fahrt durch die Städte der früheren Reichsbahn-Deportationen. Das ungewöhnliche Gedenken an die deportierten Kinder und Jugendlichen war mit einer bewegenden Zeremonie eröffnet worden, in deren Mittelpunkt zwei Überlebende des Massenmordes standen.

Trude Simonsohn, die als 21-Jährige in das Ghetto Theresienstadt und dann in das KZ Auschwitz verschleppt wurde, erinnerte an die Ausgangsorte der Deportationen, bei denen es sich meist um Bahnhöfe handelte. Dass die Vernichtung, die dort ihren Anfang nahm, von den heutigen Wiedergängern der Nazis öffentlich geleugnet oder sogar gerechtfertigt werden kann, bezeichnete Frau Simonsohn als empörend.

Margot Kleinberger, die bei der Deportation aus Hannover 12 Jahre alt war und ebenfalls nach Theresienstadt verschleppt wurde, berichtete von den entwürdigenden Umständen der Haft, aus der fast keiner ihrer Schulkameraden zurückkehrte. Auch Frau Kleinberger beklagte das öffentliche Vergessen, in dem die Lebenszeugnisse der Deportierten unterzugehen drohen. Ihr Redebeitrag auf dem Frankfurter Hauptbahnhof wurde von Jugendlichen einer Hattersheimer Schule, den ersten Besuchern der fahrenden Ausstellung, mit großem Beifall bedacht.

Mitglieder des Vereins «Zug der Erinnerung» führten Frau Simonsohn und Frau Kleinberger anschließend durch die Wagen, in denen Fotos und letzte Zeugnisse der deportierten Kinder zu sehen sind. Für die Schicksale der verschleppten Kinder und Jugendlichen interessierten sich TV- und Radiostationen aus Großbritannien, Griechenland, Polen sowie aus der Ukraine.

Obwohl der «Zug der Erinnerung» in Frankfurt a.M. ohne städtische Unterstützung blieb und nur mit geringen Mitteln beworben werden konnte, war das spontane Echo bereits in den ersten Stunden eindrucksvoll: Das Interesse mehrerer Schülergruppen, die den Zug am Mainkai besuchten, konnte von den pädagogischen Zugbegleitern nur teilweise aufgefangen werden - wegen Überfüllung.

Mannheim: Eine Woche des Erinnern für die Zukunft

Es war eine Woche des Gedenkens an die Gräuel von Faschismus, Krieg und Völkermord: Erinnern an die Reichspogromnacht, an die Deportation Tausender Kinder mittels Reichsbahn, entmilitarisierter Volkstrauertag. Höhepunkt war zweifellos der Zug der Erinnerung. Nach Angaben der VeranstalterInnen drängten sich in den vier Tagen 3.000 Menschen durch den Ausstellungszug, darunter ca. 50 Schulklassen bzw. Jugendgruppen. Ein sehr breites Bündnis unter Führung des «AK Justiz und Geschichte des Nationalsozialismus in Mannheim» und des DGB hatte den Aufenthalt des Zuges vorbereitet. Die Gemeinderatsparteien waren dabei, der AK Antifa, VVN-BdA, Jüdische Gemeinde, Landesverband der Sinti und Roma, Stadtarchiv, Stadtjugendring, der Betriebsrat von Roche Diagnostics, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Bahn zeigte sich anders als gegenüber der von Beate Klarsfeld initiierten Ausstellung über 11.000 mit der Reichsbahn deportierte Kinder kooperativ. Der Oberbürgermeister begrüßte den Zug der Erinnerung an Bahnsteig 1 im Hauptbahnhof.

Die Einbeziehung junger Menschen ist ein Kennzeichen aller Veranstaltungen dieser Woche des Erinnerns: Eine Gruppe junger Mannheimer Sinti verliest beispielsweise die Namen der deportierten und meist auch ermordeten Kinder und Jugendlichen aus Roma- und Sinti-Familien.

Im Rahmen der Gedenkstunde des AK Volkstrauertag in der Trauerhalle auf dem Hauptfriedhof berichten Schülerinnen des Elisabethgymnasiums szenisch über das vom Faschismus geprägte Leben dreier jüdischer Künstler aus Mannheim. Eine Schülerin trägt ein eigens gefertigtes Gedicht gegen den Krieg vor.

Für alle Veranstaltungen gilt, was der OB auf Bahnsteig 1 sagte: Es darf keinen Schlussstrich geben. Die Erinnerung an das menschenverachtende Nazisystem ist grundlegend für die Zukunftsgestaltung.

9. November 1938: Reichspogromnacht

In einer beeindruckenden Aktion gedachten ca. 150 Menschen am Wegweiser nach Gurs, einem der Deportationsorte Mannheimer Juden, der Reichspogromnacht. Die Namen der jüdischen und Sinti- Kinder, die aus Mannheim deportiert wurden, wurden verlesen. TeilnehmerInnen der Aktionen deponierten während der Namensverlesung Koffer mit den Lebensdaten vieler dieser Kinder am Gurs-Schild. Dieses Koffer-Denkmal blieb bis zur Abfahrt des Zuges der Erinnerung am 19.11. vor dem Hauptbahnhof stehen.

Zug der Erinnerung

Bei der Ankunft des Zuges der Erinnerung hält der DGB-Regions-Vorsitzende Stefan Rebmann die Begrüßungsansprache, gefolgt von OB Peter Kurz und der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Orna Marhöfer sowie Nicolas Alt, Vorsitzender des Stadtjugendrings. Abschließend sprach Sabrina Guttenberger für den Landesverband der Sinti und Roma. Sie stellte wichtige Fragen: «Um 8.42 Uhr ist der «Zug der Erinnerung» auf Gleis 1 des Mannheimer Hauptbahnhofs angekommen. Er unterbricht heute für einen Moment, einen Augenblick lang das Räderwerk auf Gleis 1. Dieses Räderwerk, das als Metapher für erfolgreiche technische Funktionalität und Modernität gilt - als organisierte Effektivität - stoppen wir heute symbolisch durch unsere Anwesenheit: für eine halbe Stunde fahren hier keine Züge ab!

Warum hat damals vor fast 70 Jahren niemand gestreikt? Niemand unterbrach den Fahrplan. Hier wurden die Weichen für die Deportationen in die Vernichtungslager gestellt. Die Signale standen auf Abfahrt. Es gab keinen Widerspruch, kein Aufhalten und kein Innehalten… Damals sind die Deportationszüge pünktlich und ungehindert abgefahren! Die Menschen darin, die Alten, die Mütter, Väter und ihre Kinder sind nicht mehr zurückgekommen. Ihr Schicksal war von vornherein besiegelt. Es wird einem bewusst, wie kurz diese Leben waren, wenn man einen Blick auf die Koffer wirft, die am Gurs-Schild stehen.»

Entmilitarisierter Volkstrauertag 2007

In der Trauerhalle des Hauptfriedhofs begrüßt Karola Pelzer (DGB) die Anwesenden mit dem Hinweis, dass neue Kriege schon wieder neue Opfer kosten, und dass Kapitalinteressen es sind, um die es geht. Die Gedenkstunde stand unter Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters, der allerdings nicht persönlich anwesend war. Industriepfarrer Martin Huhn führte in seiner Ansprache zum gestellten Thema: «Neue Kriege, neue Opfer - Sterben wofür?» unter anderem aus:

«Wer Menschen auf ihre ökonomische Nützlichkeit reduziert, ist im Begriff, ihnen ihr Leben und ihre Würde zu nehmen. Die neuen Kriege werden an vielen Stellen weltweit geführt und sie machen viele zu ihren Opfern. Und dort überall wird deutlich, wie weit die Welt davon entfernt ist, Konflikte mit zivilen Mitteln zu lösen. Unser Gedenken erfüllt erst dann seinen Sinn, wenn wir es als Aufforderung zum Handeln verstehen.

«Auf dem Wege der Gerechtigkeit ist Friede» - so lehrt uns die Weisheit der hebräischen Bibel. Unser Einsatz für Gerechtigkeit ist ein Beitrag zum Frieden. Denn es gibt keinen Frieden, wo keine Gerechtigkeit ist. Und wer nach Gerechtigkeit sucht, muss auch nach Tätern fragen. Der «Zug der Erinnerung» nennt Namen von Opfern und wenige Namen von Tätern. Sie gehören zur Erinnerung dazu.»

Schülerinnen des Elisabeth-Gymnasiums stellten das Leben dreier Mannheimer jüdischer KünstlerInnen vor und begleiteten die Gedenkstunde mit Klezmermusik. Der Schweigeweg führte in diesem Jahr zum 48er-Denkmal. Hier erinnerte die Freireligiöse Gemeinde an die hingerichteten Demokraten der Revolution von 1848. An der KZ-Gedenkstätte berichtete Elke Kamigan-Bentzinger (VVN-BdA) von einem Mannheimer, der in das Strafbataillon 999 gezwungen wurde. Am Soldatenehrenmal schließlich rezitierte die Schauspielerin Bettina Franke das Gedicht «Drei Minuten Gehör» von Kurt Tucholsky. Es endet mit einem Appell an die Nachkriegsjugend:

«Und wenn sie euch kommen und drohn mit Pistolen - Geht nicht!

Sie sollen euch erst mal holen!

Keine Wehrpflicht! Keine Soldaten!

Keine Monokel- Potentaten!

Keine Orden! Keine Spaliere!

Keine Reserveoffiziere!

Ihr seid die Zukunft!

Euer das Land!»

VDK-Veranstaltung

Am Nachmittag des Vokstrauertages führte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wieder seine «zentrale Veranstaltung der Stadt Mannheim» durch, wie sich der VDK-Vorsitzende Klaus Dieter Reichardt MdL seit Jahren auszudrücken beliebt. Traditionsfahnen der «Marinekameradschaft» und des Reservistenverbandes bestimmten das Bild in der Trauerhalle. Anstelle des verstorbenen letzten Vertreters des «Deutschen Afrikakorps» sorgten Vertreter der Freiwilligen Feuerwehr für weiteren Fahnenschmuck. Der VDK hatte den Oberbürgermeister zur Rede geladen. Dieser kam auch und betonte die Bedeutung der Erinnerung an den Nationalsozialismus. «Ehrlicherweise muss man sagen: Die deutschen Soldaten starben nicht für das Vaterland. Deutschland war verraten von einem Unrechtsregime, welches am Ende das ganze Volk mit in den Abgrund ziehen wollte.» Als Oberbürgermeister könne er es im übrigen nicht gut heißen, dass am Volkstrauertag zwei Veranstaltungen stattfinden. Ein gemeinsames Verständnis der deutschen Geschichte und der gesellschaftlichen Grundwerte sei erforderlich.

tht

DARMSTADT

Lange Warteschlangen mit Besuchern jeden Alters standen auf dem Darmstädter Hauptbahnhof, um die Ausstellung im «Zug der Erinnerung» zu begutachten. «Das Interesse ist überwältigend», sagt Thomas Barth, pädagogischer Begleiter im Zug, «ebenso überwältigend sind die emotionalen Reaktionen.» Der Darmstädter Zugaufenthalt begann mit einer Begrüßung durch den Oberbürgermeister Walter Hoffmann. «Es ist das große Verdienst der Ausstellung, dass endlich jene Beachtung finden, die sich am wenigsten wehren konnten», sagte der OB, der an die Deportationen des Jahres 1943 erinnerte. Damals waren zwischen März und September über 3000 Menschen vom Darmstädter Güterbahnhof in die Vernichtungslager verschleppt worden, darunter viele Sinti- und Roma-Familien aus dem ehemaligen «Volksstaat Hessen». Für die Ehrung der Deportierten setzt sich seit Jahren die Initiative Gedenkort Güterbahnhof Darmstadt ein. Den Aktivitäten der Initiative ist ein Mahnmal zu verdanken, das wiederholt geschändet worden ist. Peter Schmidt, Sprecher der Initiative, berichtete, dass sich mehr als 50 Schulklassen für einen Besuch im «Zug der Erinnerung» angesagt hätten - ein kaum zu bewältigender Andrang.

Mehr Infos: www.zug-der-erinnerung.de 
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