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Gedenken in Lüneburg: Volkstrauertag abschaffen ?

19. November 2006 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Historisches

Gedenken in Lüneburg: Volkstrauertag abschaffen ?

Lüneburg: Gewerkschafter H-D Charly Braun hält "Volkstrauertag"srede für Opfer des Faschismus. Volkstrauertag abschaffen - statt Verwischung von Tätern und Opfern

Auf Einladung der VVN/BdA sprach H-D Charly Braun, Mitglied im DGB-Regions- und
ver.di-Bezirksvorstand sowie DGB-Verantwortlicher für die Jugendarbeit in Bergen-Belsen am
Volkstrauertag im Lüneburger Tiergarten beim Gedenken für die Opfer des Faschismus.

Der, für provokante und satirische Reden bekannte Gewerkschaftsfunktionär stellte die Frage, ob
es nicht besser sei, den Volkstrauertag abzuschaffen, denn"In geschichtsloser Gleichmacherei erinnert man nun auch an die Leidtragenden von Stalinismus und Stasi, neuerdings an die Toten sog. islamischen Terrors und eher am Rande an die Opfer der Nazis im In und Ausland. Davon ist es nicht weit zur "wehrhaften Demokratie", die aus humanen, Vorbeugungs- und eben auch ökonomischen Gründen schon häufiger mal am Hindukusch unsere (?) Interessen vertritt. ..... Durch ein gemeinsames Gedenken sowohl an die Wehrmachtsgefallenen, die dafür sorgten, dass im Rücken der Front Auschwitz betrieben werden konnte, als auch an die, die in KZ's ermordet wurden, werden die Unterschiede zwischen Tätern und Opfern nivelliert. Nach Verweisen auf "dunkle Seiten der Vergangenheit" kann die Präsentation der Deutschen als Opfer unverblümt betrieben werden. Hinter Aufzählung, Vermengung verschiedener realer und vermeintlicher
Opfergruppen quer durch mehrere Zeitepochen, durch solche Opfer-Täter-Gleichsetzung verschwindet die Unterscheidung von Ursache und Wirkung. Geschichtslos wird deutsche Geschichte normalisiert.

Und das hatte und hat Folgen. 1999 wurde der deutsche Angriff auf Jugoslawien gar mit dem
Argument geführt, man wolle ein "Auschwitz auf dem Balkan" verhindern. .... Wir dürfen den
Alldeutschen Parteien, Medien und Militärs nicht die Entsorgung ihrer Altlasten überlassen und
müssen sie an die Wiederaufbereitung ihres Militärischen hindern.
..... Wer die Vergangenheit besitzt, bzw. ihre offizielle Interpretation diktiert, bestimmt die
Gegenwart und greift nach der Zukunft. Liefert unser Gedenken im Tiergarten jenen an den
Kriegerdenkmälern noch das Alibi, dann ist es besser, für die Abschaffung des Volkstrauertages
einzutreten und das Gedenken an die Opfer des Faschismus mit dieser Forderung zu verbinden."

Die VVN/BdA-Gedenkveranstaltung an die Opfer des Faschismus im Lüneburger Tiergarten war mit 60 Teilnehmenden, darunter viele junge Menschen, gut besucht. Die Begrüßungsworte sprach Christa Gronau, ausserdem sprach noch ein Vertreter der Stadtverwaltung.

Um 12 Uhr fand eine weitere Gedenkfeier in Lüneburg nahe dem Zentrum in der Lindenstraße am
Mahnmal für die NS-Opfer statt. Dabei sprachen ein Pastor und ein CDU-Ratsherr. Bemerkenswert sind hier die Kranzschleifen: bei der CDU stand auf schwarz-rot-gold "IM gedenken", auf den Schleifen der Gestecke von DGB, VVN/BdA und Die.Linke sprach man sich gegen Faschismus und Krieg aus, die SPD hatte nur "SPD" draufdrucken lassen und die andere Schleife schlicht unbedruckt gelassen.

Um 14 Uhr gedachten dann sehr viele Uniformträger und PolitikerInnen verschiedener Art in
Lüneburg gefallenen Soldaten und Opfern von Gewalt, Krieg und Terror aller Art.

Geschichtswerkstatt Hannover


Volkstrauertag auf Truppenübungsplatz: erst Bundeswehr, dann Nazis

Währendessen gedachte die Bundeswehr nicht weit entfernt auf dem Soldatenfriedhof Lohheide auf dem Truppenübungsplatz Bergen den gefallenen Wehrmachtssoldaten. 45 Nazis mit NPD-Fahne wollten ihren Teil zur nationalen Gedenkfeier beitragen. Die Bundeswehr ließ nicht zu, dass sich die Nazis unter die Soldaten mischte. Erst als die Bundeswehr das Gräberfeld verlassen hatte, hatten die Nazis Zutritt. Die Polizei erlaubte keine Demo mit Fahne und Reden auf dem Friedhof. Dann hatten die Nazis 30 Minuten Zeit zur Ablage von Gestecken und Aufsagen von Gedichten.


H-D Charly Braun Mitglied im DGB-Regions- und ver.di-Bezirksvorstand Lüneburger Heide Ansprache am Ehrenmal für Opfer des Faschismus im Tiergarten in Lüneburg,

VVN/BdA-Veranstaltung am Volkstrauertag 19.11.06 - es gilt das gesprochene Wort

Liebe Jugendliche, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe antifaschistische Freundinnen und Freunde,

Volkstrauertag für die für's Vaterland Gefallenen des 1. Weltkrieges, Nazi-Heldengedenktag für deutsche Soldaten und sog. "Gefallene der Bewegung" mit auf "vollstock" gesetzte Fahnen, statt Halbmast und ab 1948 wieder Vokstrauertag.

In Lüneburg und manchen anderen Orten wurde nach der Befreiung vom Faschismus und vor Wieder-Einführung des Volkstrauertages - nach meinen Recherchen - z.B. im November 1946 gemeinsam von Jüdischer Gemeinde und dem Zusammenschluß ehemaliger Zuchthaus- und KZ-Häftlinge einem Vorläufer der VVN - im November der Nazi-Opfer gedacht. Jahrzehnte später hat der VVN/BdA dieses November-Gedenken am Volkstrauertag wieder aufgenommen.

Ihr wolltet den Volkstrauertag nicht den Kriegervereinen an ihren Heldendenkmälern überlassen.

Helden ?

"An der Schwelle des 6. Kriegsjahres ..." telegrafiert Gauleiter Telschow an den Führer: 
"... Der Gau Osthannover gedenkt in diesen Stunden der tapferen Männer, die für unseres Volkes Zukunft ihr Leben opferten. Wir werden niemals das große Ziel aus den Augen lassen, für das unsere Helden starben. ...". Und dann schwafelt er von Durchhaltewillen und Siegesgewißheit. Dieser deutsche Held setzte sich im April 1945 noch rechtzeitig ab, nachdem er Kinder, Greise und alle Deutschen zur Verteidigung gegen die Briten schickte.

7.4.1945 Mit ihren Bomben wollen die Alliierten vor allem die militärische Infrastruktur treffen. Magdalena Bomberka, damals im Reichsbahn-Fahrdienst tätig, berichtet: "Der ganze Verschiebebahnhof stand voll mit Zügen. Güterzüge, Wehrmachtszüge und Züge mit KZ-Häftlingen. ... Trümmer, Hilferufe und Gejammer überall. Die Bomben waren mitten hinein in die haltenden Züge gefallen. Die überlebenden Häftlinge lagen und saßen herum und baten um Wasser. Wir wollten es bringen. Auch Decken. Aber die SS-Bewacher ließen es nicht zu. Sie bedrohten uns mit Maschinenpistolen. ... Wer es wagen wolle, zu helfen, würde erschossen. Danach wurden die Häftlinge erschossen."

Stellwerks-Betriebsführer Joachim Raczka beobachtet, wie sich die 3 Bewacher der Häftlinge nach der Bombardierung im Bülow'schen Haus einquartieren. "Sie lassen sich ... von den KZ-lern aus einem Sonderwagen des Zugs Verpflegung bringen. Nur für sich. Die Häftlinge selbst bekommen nichts. .... Ich sehe viele Tote. Andere liegen zu Tode erschöpft zwischen den zerstörten Gleisen. Wer noch auf den Beinen stehen kann, versucht sich in Sicherheit zu bringen. ... Wer von den Häftlingen noch lebt und weggelaufen ist, wird wieder eingefangen. Auch deutsche Zivilisten bringen Häftlinge an, die in der Stadt aufgegriffen worden sind. ... Nachmittags und abends erschießen die Bewacher dann viele." Selbst in den letzten Kriegstagen als Kinder und Greise zu Kanonenfutter erklärt, dienen oder glauben die deutschen Volksgenossen bis zuletzt den niedergehenden Machthabern und Propagandisten. Im Aufruf in der LZ am 10.4.45 heißt es, die sog. "Konzentrationsgefangenen" würden "bekanntlich besonders zu Diebstahl, Raub, Plünderungen usw. neigen. Sie sind zu stellen und festzunehmen." Sollten sie sich zur Wehr setzen, "sind sie unter allen Umständen unschädlich zu machen". Und dem wurde gefolgt. Auch in Soltau oder in Celle. In Celle, wo diese Aktion "Hasenjagd genannt wurde". Der verantworliche Celler Bürgermeister wird noch 2006 als Ehrenbürger geführt, und nur schwer ist trotz schlagender Beweise daran zu rütteln.

(Alle Zitate im LZ-Buch von Helmut C. Pless "Lüneburg 45" Nordost-Niedersachsen zwischen Krieg und Frieden, 1976)

In diesem Buch der LZ, heiß es, "der 'Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge' registriert ... für die Ehrenstätte Tiergarten 167 (die Inschrift auf dem Stein spricht von 256 Toten)...". Will uns der Verfasser nahelagen, welche Zahl wir als Wahrheit annehmen sollen ?

Diese Menschen, die viele Jahre Ausgrenzung, Beraubung, Entwürdigung, Hunger, Folter des unvergleichlich größten Verbrechens erlitten haben, - sie müssen uns Mahnung sein. Mahnung ist mehr als Trauer. Mahnung heißt, die Ursachen faschistischer Entwicklungen zu erforschen, und von Anbeginn gegen jede Vorbereitung des un-sozialen Bodens konsequent vorzugehen. Dazu gehört auch, jeder Geschichtsverdrehung zu widersprechen.

Heute ist in Halbe und Halle wieder großes Nazi-Heldengedenken. Das erinnert mich meine tief sitzenden Volkstrauertagserfahrungen:

Als 1968 vom Esseler Soldatenfriedhof die Kränze vom Bund Notgemeinschaft Arbeitsdienst, der HIAG Waffen SS und eines miltärischen Traditionsverbandes gestohlen werden, aber die Kränze der dörflichen Vereine liegen bleiben, weise ich in einem Leserbrief auf die weiter-existierenden faschistischen Vereine hin. Voller Wut und Haß wird mir wochenlang in Leserbriefen geantwortet. Politische Polizei und ein ehem. Arbeitsdienstführer besuchen meine Famile. Noch 1 Jahr später muß sich mein Vater als Schützenbruder am Volkstrauertag vorm dörflichen Kriegerdenkmal nationale Haßtieraden auf seinen Sohn anhören.

Als Mitte der 70er Jahre auf dem Soldatenfriedhof Essel Pastor Dreyer nicht nur den deutschen Soldaten, sondern auch den Naziopfern gedenkt, geleiten ihn seine Dorfbewohner, vor Schlägen alter Nazis schützend, schnell vom Friedhof.

1983: Die "Reservistenkameradschaft Wehrsport Buchholz/ Aller" bildet in Bundeswehruniform für die alten Nazis von Ritterkreuzträgern und Waffen SS, den jungen der Wikingjugend und den flämischen Faschisten eine Ehrenformation. Wir sind 11Gewerkschaftsjugendliche und kaum halten wir das Transparent "Verbot der HIAG Waffen SS" hoch, wird es sofort zerrissen. Wir bekommen Tritte und Schläge. Vor Üblerem schützte uns die wirklich zufällige Anwesenheit des Bremer Fernsehens "Buten un Binnen".

In den Folgejahren gelang es uns mit breiten Bündnissen und großen Demos, die europa-weiten Faschistenfeiern dort zu verhindern.

Worin unterscheidet sich neofaschistisches Heldengedenken, wie das, das wir ab 1884 in Essel verhinderten, und heute wieder in Halbe und Halbe passiert, eigentlich von den Feiern, die heute an unzähligen Kriegerdenkmälern und auf Soldatenfriedhöfen abgehalten werden ?

Die Helden-Worte sind bis heute nicht aus den Denkmälern rausgemeißelt. Die vaterländisch nationale Trauer und Heldenverehrung der ersten BRD-Jahrzehnte ist längst ergänzt ums Gedenken an "alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft". In geschichtsloser Gleichmacherei erinnert man nun auch an die Leidtragenden von Stalinismus und Stasi; neuerdings an die Toten sog. islamischen Terrors und eher am Rande an die Opfer der Nazis im In und Ausland.

Davon ist es nicht weit zur "wehrhaften Demokratie", die aus humanen, Vorbeugungs- und eben auch ökonomischen Gründen (sh. Verteidungspolitische Richtlinien der Bundesregierung) schon häufiger mal am Hindukusch unsere (?) Interessen vertritt.

  • Wird mit dem obligatorischen Lied "Ich hatt' einen Kameraden, einen besser'n find'st du nicht .." ("Der gute Kamerad ... ") doch letztlich nur die Legende von der "sauberen Wehrmacht" gepflegt und Verbundenheit mit denen gezeigt, die dazu beigetragen haben, Europa in ein Schlachthaus zu verwandeln ? 
  • Wird mit dem Gemisch aus "Gutem Kameraden", Nationalhymne, Bundeswehr, angeschlossen in Reih und Glied die vereinsuniformierten Schützen und Freiwilligen Feuerwehrleute - sie alle unter dem gemeinschaftlichen Volksdach des VDK (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge) - Wird damit nicht lediglich ein modernisierter, scheinbar allgemeinnützlicher "Katastrophenschutz" in In- und Auslandseinsätzen als human, gerecht und sinnvolle Notwehr in unsere Köpfe und Bäuche transportiert ?

Durch ein gemeinsames Gedenken sowohl an die Wehrmachtsgefallenen, die dafür sorgten, dass im Rücken der Front Auschwitz betrieben werden konnte, als auch an die, die in KZ's ermordet wurden, werden die Unterschiede zwischen Tätern und Opfern nivelliert. Nach Verweisen auf "dunkle Seiten der Vergangenheit" kann die Präsentation der Deutschen als Opfer unverblümt betrieben werden.

Hinter Aufzählung, Vermengung verschiedener realer und vermeintlicher Opfergruppen quer durch mehrere Zeitepochen, durch solche Opfer-Täter-Gleichsetzung verschwindet die Unterscheidung von Ursache und Wirkung. Geschichtslos wird deutsche Geschichte normalisiert. Und das hatte Folgen !

Dann, 1999, wurde der deutsche Angriff auf Jugoslawien gar mit dem Argument geführt, man wolle ein "Auschwitz auf dem Balkan" verhindern. Eigene deutsche Opfererfahrung und praktiziertes Mitgefühl müssen es wohl gewesen sein, die nach Bekundungen ziviler und militärischer Meinungsmacher die Bomben abwarfen.

Denn: man verstehe hierzulande die Menschen im Kosovo gut; die Deutschen wüssten sehr genau, was es heißt, vertrieben zu werden. So dient eine Geschichtslüge als Legitimation, dass von deutschem Boden aus erneut auf Jugoslawien gebombt wurde.

Die Opfer des Verbrechens liegen HIER begraben und sie sind bei der Wehrmacht höchstens mit deren Deserteuren gleichzusetzen.

Es ein Lichtblick, wenn heute in Hannover-Ahlem und hier in Lüneburg der Opfer des Faschismus gedacht wird. Aber Achtung !!

Wir dürfen den Alldeutschen Parteien, Medien und Militärs nicht die Entsorgung ihrer Altlasten überlassen und müssen sie an die Wiederaufbereitung ihres Militärischen hindern. Sonst wird hierzulande bald auch der für deutsch-globale Wirtschaftsfreiheit am Hindukusch gefallenen Bundeswehrsoldaten gedacht.

"Wer die Vergangenheit besitzt, bzw. ihre offizielle Interpretation diktiert, bestimmt die Gegenwart und greift nach der Zukunft".

Liefert unser Gedenken im Tiergarten jenen an den Kriegerdenkmälern noch das Alibi, dann ist es besser, für die Abschaffung des Volkstrauertages einzutreten und das Gedenken an die Opfer des Faschismus mit dieser Forderung zu verbinden.

Ich schließe mit dem Wort des amerikanischen Philosoph Santayana: "Wer sich des Vergangenen nicht erinnert, ist dazu verurteilt es noch einmal zu erleben"

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