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Nicht brauner als anderswo?

16. Januar 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - lokal

Nicht brauner als anderswo?

BAD FALLINGBOSTEL. Heidekreis nennt sich der Landkreis Soltau-Fallingbostel. Und er hat noch mehr zu bieten als eine malerische Landschaft mit niedlichen Heidschnucken. Vogel-, Heide- und Serengetipark sind weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt und beliebt. "Braun ist die Heide" will hier kaum jemand hören.Durch neonazistische Umtriebe falle die Region nicht auf, da sind sich Polizeisprecher Peter Hoppe in Soltau und Maren Brandenburger vom Verfassungsschutz in Hannover einig. Rechtsextreme Umtriebe machen sie nur in wenigen Orten aus. Soltau-Fallingbostel ist ein Landkreis wie jeder andere - er ist nur ein Beispiel.Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen hatte Kommunalpolitiker aller Fraktionen Mitte 2006 in Alarmstimmung versetzt: In kaum einer anderen Region sei der Anteil rechtsextrem eingestellter Jugendlicher so hoch wie hier. Laut Pfeiffers Studie dachte hier 2005 jeder fünfte Neuntklässler fremdenfeindlich, knapp sieben Prozent seien gar rechtsextrem eingestellt.Auch Polizei und Verfassungsschutz fällt immerhin vor allem Schneverdingen mit seinen "Snevern Jungs" auf. Die marschieren bei NPD-Demos mit, einige wollen für die Partei in den niedersächsischen Landtag einziehen. Die "Snevern Jungs" feiern "Karneval" mit Kutten des Ku-Klux-Klan, im Sommer zeigt der ein oder andere auch öffentlich eine Tätowierung der verbotenen Neonazi-Organisation "Blood & Honour" oder "AJAB" für "All Jews are bastards". Doch nicht deshalb gilt den Verfassungsschützern die "Kameradschaft" als besonders gefährlich, sondern weil sie sich daheim auch gerne bürgerlich und harmlos gibt. Ihr Anführer Matthias Behrens lässt sich mit seinen Gesinnungsgenossen häufig bei Blutspenden, Müllsammelaktionen, Skat- oder Kegelturnieren und auch auf Volksfesten blicken. Im August 2007 liefen die "Kameraden" einmal mehr beim beliebten "Heidelauf" mit. Der Vorsitzende des Sportvereins sah "keine rechtliche Handhabe", die Extremisten nicht mittun zu lassen. Neben juristischen Bedenken schien Angst im Spiel: "Wer weiß, was die sonst machen?"In Schneverdingen tut man sich nicht nur schwer, Neonazis von Volksläufen auszuschließen. Ebenso schwer fällt es den Verantwortlichen offenbar, für Aufklärung über Rechtsextremismus zu sorgen. Ein Bündnis aus Parteien, Gewerkschaften und Initiativen wollte Ende 2007 eine solche Veranstaltung in Schneverdingens Gesamtschule organisieren. Anfang November habe er im Kreishaus um Genehmigung gebeten, berichtet Gewerkschaftsfunktionär Charly Braun, und bis zum letzten Werktag vor dem Termin sei darüber nicht entschieden worden. Entnervt mietete Braun einen Ersatzraum in einer Gaststätte.Sich gegen rechts zu engagieren, scheint auch in Munster nicht einfach. Ihr "Rock gegen rechts"-Konzert jedenfalls mussten Schüler und Jusos im März 2006 fürs Erste absagen: Dem Ordnungsamt war aufgefallen, dass dem Sportheim ein zweiter Fluchtweg fehlt. Renate Knapp, SPD-Fraktionschefin im Stadtrat, nannte die Begründung "fadenscheinig". Für sie steckte hinter der Absage Angst vor militanten Neonazis, die einen "Konzertbesuch" angedroht hatten.Dabei hat der traditionsreiche Militärstandort Aufklärung über Rechtsextremismus durchaus nötig: In Munster sammelt der "Snevern Jung" und NPD-Landtagskandidat Roman Greifenstein Jugendliche um sich. Einige seiner etwa zehn Anhänger seien erst 14 oder 15 Jahre alt, berichtet Verfassungsschützerin Brandenburger. Von Greifenstein angeführt sollen die "Freien Kräfte Munster" Wehrsport treiben - ganz in der Nähe des örtlichen Truppenübungsplatzes und getarnt als "Survival-Wochenenden". Greifenstein scheint ein "Waffennarr" zu sein: Bereits 1996 wurde er verurteilt, weil er einen Menschen mit einer Pistole bedroht hatte. Inzwischen ist die Liste der Urteile gegen den Mittdreißiger lang.Neben "Snevern Jungs" und "Freien Kräften Munster" kennt der Verfassungsschutz im Landkreis die "Autonomen Nationalisten Soltau" (ANS). Polizeisprecher Hoppe nennt die ANS "ein paar rechts angehauchte Hansels, die viel Unsinn machen". Verfassungsschützerin Brandenburger nimmt sie weniger auf die leichte Schulter. Ihre Behörde gehe von zehn bis 15 Personen aus, die gewaltbereiter seien als "Kameradschaften" wie "Freie Kräfte Munster" oder "Snevern Jungs".In Soltau und Bomlitz bringen die ANS dann und wann über Nacht hunderte Aufkleber und Plakate an. Anfang September 2007 titelte die Lokalpresse "Nazi-Aufkleber an jeder Bomlitzer Ecke". Beim Bürgermeister wurden die Neonazis sehr persönlich: "Linke haben Namen und Adressen - kein Vergeben, kein Vergessen" musste Michael Lebid an seiner Haustür lesen.Ganz anders als die "autonomen" Neonazis kommt der "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e.V." daher. Die auch "Ludendorffer" genannten Anhänger des Bundes treten betont gesittet auf. Mit Kind und Kegel reisen sie nach Dorfmark bei Bad Fallingbostel. Seit mehr als 30 Jahren tagen sie alljährlich zu Ostern im örtlichen "Deutschen Haus". Schon mit seinem Namen huldigt der "Bund" Mathilde Ludendorff. Die 1966 gestorbene Witwe des Hitler-Weggefährten Erich Ludendorff unterteilte die Menschheit in "Licht- und Schachtrassen" und wollte in Juden die Drahtzieher einer "Weltverschwörung" ausgemacht haben. Ihre Anhänger verstecken bis heute hinter ihrer völkisch-biederen Fassade derlei antisemitische und rassistische Überzeugungen.Eine Erkenntnis, die noch älter ist als die Extremistentreffen in Dorfmark: Schon 1961 verboten die Innenminister der Länder den "Bund für Gotterkenntnis" als verfassungsfeindlich, doch wegen Verfahrensfehlern hoben bayerische Verwaltungsrichter das Verbot 1977 wieder auf. Im Heidekreis störten die "Tagungen" der Rechtsextremisten jahrzehntelang offenbar kaum jemanden. Jedenfalls fanden sich erstmals 2007 etwa 100 Menschen zu einer Mahnwache ein.Schneverdingen, Munster, Soltau, Bomlitz, Dorfmark - und der Kreis Soltau-Fallingbostel hat noch mehr solcher Städte und Dörfer. Doch schon bald will man den braunen Umtrieben den Nachwuchs nehmen: Zusammen mit der Polizei habe das Jugendamt ein Präventionsprogramm erarbeitet, berichtet Hermann Norden, Chef der CDU-Mehrheitsfraktion im Kreistag. Zugleich mahnt er, "gelassen zu bleiben". Schließlich sei in Soltau-Fallingbostel Rechtsextremismus nicht weiter verbreitet als in den Nachbarlandkreisen.Peter Rabe, Vorsitzender des Kreispräventionsrates, räumt zwar eine "gewisse Massierung" rechtsextremer Umtriebe ein, betont aber im selben Atemzug, "nicht mehr als in unseren Nachbarkreisen". Zudem träfen Neonazis auf "wachsame Demokraten", die sich ihnen entgegenstellen.Überhaupt scheint sich die Aufregung um die Studie von Pfeiffers Kriminologischem Institut weitgehend gelegt zu haben. Soltau-Fallingbostels traurige Spitzenwerte hätten sich nicht zuletzt aus der Art der Datenerhebung ergeben, sagen viele Kommunalpolitiker. Denn die Studie vergleiche ihre ländlich geprägte Heide vor allem mit städtischen Regionen. Die Politik scheint mit den Fachbehörden weitgehend einig, dass es in der Heide nicht brauner zugeht als andernorts in Niedersachsen.Was die "wachsamen Demokraten" in Soltau-Fallingbostel tröstlich finden mögen, könnte andernorts im Land "wachsame Demokraten" gehörig erschrecken. Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann hat jedenfalls bereits erkannt, dass sich Rechtsextremismus unter jungen Leuten nicht "auf überschaubare Kleingruppen und einzelne Täter beschränkt". Und der CDU-Politiker meint, dazu trage eine "vielfach eher wegschauende, tolerierende oder gar unterstützende Erwachsenenwelt" bei.

Aus dem Weser Kurier

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