Sonderzüge in den Tod - Deportationen mit der Deutschen Reichsbahn
Der lange Streit um eine Ausstellung auf deutschen Bahnhöfen
Sendeanstalt und Sendedatum: MDR, Sonntag, 27. Januar 2008
Große Resonanz in Frankreich
Bildunterschrift: Die bewegensten Bestandteile der Ausstellung: Jüdische Kinder, die mit den Zügen deportiert wurden. ]
Die meisten der deportierten Kinder kamen in den Vernichtungslagern um. Es ist das Anliegen von Beate Klarsfeld, Publizistin und Mitinitiatorin der Ausstellung, an deren Schicksale zu erinnern. Eine Aufgabe, die ihr hierzulande nicht immer leicht gemacht wird. Bereits 2005 organisiert sie auf allen großen französischen Bahnhöfen eine umfangreiche Ausstellung über die Deportation von jüdischen Kindern nach Auschwitz – mit großer Resonanz und ohne jeden Zwischenfall.
Hinsehen und Nachdenken
Bildunterschrift: Beate Klarsfeld, Publizistin und Mitinitiatorin der Ausstellung. ]
Klarsfelds Ziel ist es, die Bahnreisenden zum Hinsehen und Nachdenken zu bringen:
"Was wir in Frankreich schon feststellen konnten, ist, dass Menschen in einen Bahnhof kommen und eine Ausstellung von deportierten jüdischen Kindern sehen. Kinder, die lächeln und die überhaupt nicht abgemagert sind. Das ist ja das Unwahrscheinliche daran, dass diese jüdischen Kinder aus ihrem Bett gerissen wurden, aus ihrem Haus, von den Eltern getrennt und in die Gaskammern geschickt wurden. Das lässt die Reisenden, die in diese Kinderaugen blicken, aufhorchen. Und sie fragen sich, wie kann es nur möglich gewesen sein, dass man sich entschied, diese jüdischen Kinder in den Tod zu schicken?"
Mehdorn entzog sich der Verantwortung
Doch bisher wehrte sich Bahnchef Hartmut Mehdorn vehement und mit fadenscheinigen Argumenten dagegen eine Ausstellung über die Deportation von jüdischen Kindern mit der Reichsbahn auf deutschen Bahnhöfen zu zeigen. Er schiebt abwechselnd Sicherheits- und Pietätsbedenken vor. Doch Beate Klarsfeld lässt nicht locker und demonstriert zwei Jahre lang mit Bürgerinitiativen vor und in den Bahnhöfen.
Beate Klarsfeld kämpft für ihre Ausstellung
Bildunterschrift: Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee unterstützt die Ausstellung. ]
Dass sie kämpfen kann und hartnäckig ist, das hat sie mehrfach in ihrem Leben bewiesen: 1968 ohrfeigt sie Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen dessen Nazivergangenheit, 1971 enttarnt sie den in Frankreich verurteilten Kurt Lischka, früher Gestapo-Chef von Paris, der unbehelligt in Köln lebt. 1983 gelingt es ihr, dass Klaus Barbie, der ehemalige Gestapo-Chef von Lyon, aus Bolivien nach Frankreich ausgeliefert und dort verurteilt wird. Sie geht ins Gefängnis und entkommt Bombenanschlägen. Und sie überzeugt Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee, ihr Vorhaben zu unterstützen. "Sollte man eine solche Ausstellung in einem sehr bewegten und von vielen tausenden Menschen begangenen Bahnhof zeigen, ja oder nein? Mir ging es darum, dass wir Diktatur im Alltag auch im Alltag in einer Demokratie zeigen", argumentiert Tiefensee - mit Erfolg
Die Bahn AG bezieht Stellung
Bildunterschrift: Susanne Kill ist Historikerin bei der Deutschen Bahn. Sie findet, dass die DB "heute ganz offen" mit der Vergangenheit umgeht. ]
Auf 40 Stelltafeln wird nun im Bahnhof "Potsdamer Platz" gezeigt, wie die Züge die Juden deportierten. Drei Millionen Menschen fuhren mit der Bahn in den Tod.
Die Historikerin der Deutschen Bahn, Susanne Kill, sieht die aktuelle Lage so:
"Was uns eben auch sehr wichtig ist, dass wir als DB AG und die Historiker, die schon jahrelang an der Geschichte der Reichsbahn im Nationalsozialismus arbeiten, zeigen, dass die Bahn heute ganz offen mit dieser Geschichte umgeht."
Leise Zweifel
Wirklich? Wenn diese Ausstellung zeigen soll, wie offen, ehrlich und kritisch die Bahn mit ihrer schwierigen Geschichte umgeht, warum wird sie dann in einer abgelegenen Ecke am Regionalbahnhof Potsdamer Platz gezeigt? Und warum sind die Schautafeln so eng platziert? Weshalb wurde nicht der Berliner Hauptbahnhof als Standort gewählt, wo ungleich mehr Reisende die Gelegenheit hätten, diese wichtige Ausstellung zu sehen.
Beate Klarsfeld weiß, dass die jetzige Ausstellung vom Umfang her nicht mit denen in Frankreich vergleichbar ist: "Wir haben im Laufe der zwei Jahre in Frankreich 250 Tafeln zusammengestellt, die eines Tages mal in einem Museum enden werden. Hier haben wir nur die Möglichkeit, 15 Stelltafeln zu erstellen."
Was am Ende bleibt
Doch obwohl sie hier nur in geringer Zahl ausgestellt werden, sind es die bewegendsten Bestandteile der Ausstellung – die Fotos der deportierten Kinder. Hier schauen sie noch ohne Vorahnung des kommenden Schreckens in die Kamera. An ihren Schicksalen wird das Monströse und Grausame des Holocausts deutlich. Und es ist auch der Verdienst von Beate Klarsfeld, das den Deutschen immer wieder ins Bewusstsein zu rufen.
Dieser Text informiert über den Fernsehbeitrag vom 27.01.2008. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.
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