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Toleranz der anderen Art - Weserkurier

23. März 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Artikelserie "Ludendorffer"


 

DORFMARK.

Es gibt Themen, über die redet der Vorsitzende der Dorfmark-Touristik, Richard Nessel, gerne. Zum Beispiel über die Frage, wie weltoffen die 3900 SeelenGemeinde im Landkreis Soltau-Fallingbostel ist: „Dorfmarken sind tolerant. Hier ist jeder willkommen. Egal, ob er schwarz ist oder rot, ob er grün ist oder blau - solange er sich ordentlich benimmt", sagt der pensionierte Oberstleutnant der Bundeswehr.

Die Wirklichkeit sieht anders aus.

„Kanaken haut ab - geht lieber arbeiten",

 „Sprich Deutsch, Du Pisser! Du bist hier schließlich in Deutschland".

Mit diesen und anderen Beleidigungen empfangen Dorfmarken Bürger am Karfreitag die Teilnehmer eines internationalen Workcamps aus dem ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen: junge Leute zwischen 16 und 27 Jahren aus zehn Nationen - unter ihnen die Nichte des Friedensnobelpreisträgers Nelson Mandela.

Sie sind an diesem Tag nach Dorfmark gekommen, weil sie sich einer Protestaktion anschließen wollen, zu der die örtliche SPD aufgerufen hatte. Der Protest richtet sich gegen eine Glaubensgemeinschaft, die mehrfach in Verfassungsschutzberichten erwähnt wurde, und die dennoch seit Jahrzehnten auf die Toleranz der Dorfmarken setzen kann. Die Gemeinschaft heißt offiziell „Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff) e. V." und beruft sich auf die rassistischen und antisemitischen Schriften der verstorbenen Mathilde Ludendorff. In diesen Schiften werden die Juden als

„Blutegel am Volksblut" bezeichnet, .Rassemischung" als „Seelenmord" gegeißelt.

 Die „Ludendorffer", wie die Anhänger des Bundes genannt werden, fühlen sich offenkundig wohl in der Gemeinde Dorfmark. Alle Jahre wieder lädt die Organisation ihre Mitglieder zum Ostertreffen hierher ein, seit mehr als dreißig Jahren.

 „Damit muss endlich Schluss sein", sagt Nicole Ahrens vom SPD-Kreisverband Soltau-Fallingbostel. Die 35-Jährige hat die Protestkundgebung angemeldet. Etwa 70 Gleichgesinnte sind ihrem Aufruf gefolgt: SPD-Mitglieder, Gewerkschafter und junge Leute. Demonstriert wird vis ä vis der traditionellen Tagungsstätte der „Ludendorffer", dem Hotel „Deutsches Haus".

Mit der Ankunft der jungen Leute aus Bergen-Belsen in Dorfmark verdoppelt sich die Zahl der Demonstrationsteilnehmer.

Mit der vom Touristikchef gepriesenen Toleranz der Dorfmarken aber ist es jetzt vorbei: Einige zeigenden „Stinkefinger", als die dunkelhäutige Delegation aus Südafrika vorbeikommt, andere machen Affengeräusche. Einer zeigt ganz deutlich, wem seine Sympathie gilt: „Schade, dass die Nazis schon weg sind", ruft er den Demonstranten entgegen. Keiner der umstehenden Dorfmarken macht Anstalten, dem Mann auch nur zu widersprechen.

Auch den „Ludendorffern" sind die Proteste nicht entgangen, einige kommen aus dem Hotel und beginnen zu fotografieren. Ein älterer Herr, der sich selbst als „Ludendorffer` bezeichnet, legt ein Verhalten an den Tag, das von Angehörigen der neonazistischen Szene bekannt ist: Er macht reihenweise Portraitfotos von Demonstranten und Journalisten. Auf die Frage, was er mit den Fotos wolle, sagt er drohend: „Das werden Sie schon erleben."

 An den Campteilnehmern aus BergenBelsen gehen die Beschimpfungen nicht spurlos vorüber. Der 28 Jahre alte Arne Hilbig aus Bad Fallingbostel sagt: „Gerade wenn man sich tagelang mit den Folgen von Rassismus im Dritten Reich beschäftigt hat, dann  wühlen solche Pöbeleien ganz schön auf. " Die 34 Jahre alte Nichte Nelson Mandelas, Pumeza Mandela, fügt hinzu: „Wir sind alle Menschen - egal, welche Hautfarbe wir haben. Ich lasse mich von solchen Beschimpfungen nicht abhalten, gegen Rassismus auf die Straße zu gehen."

 Anlass dafür gibt es in Dorfmark offenbar auch in Zukunft: Niemand zweifelt ernsthaft daran, dass die„ Ludendorffer" auch im kommenden Jahr ihre Ostertagung hier abhalten werden. Und manchem sind sie hochwillkommen. Nach Berechnungen der Dorfmark-Touristik haben die „Ludendorffer' den Hotels, Pensionen und privaten Zimmervermietern in den vergangenen Jahrzehnten rund 30000 Übernachtungen beschert. Für die Managerin des Hotels .Deutsches Haus", Ingrid Koch, sind sie die, erste wichtige Einnahmequelle der Saison".

Dem SPD-Kreisvorsitzenden und früheren Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil ist diese Argumentation zu schlicht: „Das Gefährliche an den Ludendorffern' ist, dass man nicht auf den ersten Blick erkennt, welche menschenverachtenden Ansichten sie vertreten", sagt Klingbeil. Ein Thema, von dem Nessel von der DorfmarkTouristik nicht gerne spricht. Sein Verband sei eine ,.unpolitische Vereinigung und schaue den Gästen nicht in den Kopf"

> Der Autor Stefan Schölermann ist Redakteur bei NDR Info.

 

 

 

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