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Es gibt keine Normalität

20. Mai 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Antisemitismus

Interview mit Fritz Backhaus
Es gibt keine Normalität

Nach der Attacke auf Rabbi Gurevitch fürchteten viele Juden in Frankfurt antisemitische Motive. Ist diese Angst allein der Vergangenheit geschuldet oder ist im Alltag tatsächlich Antisemitismus zu spüren?

Alle Umfragen zeigen, dass bis zu 65 Prozent der deutschen Bevölkerung in einzelnen Fragen antisemitische Ressentiments zeigen. Dazu gehört zum Beispiel die Forderung nach dem "Schlussstrich" in der Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Es ist - mit Ausnahme extremer Fälle - nach dem Holocaust üblich, dass man sich selber in Deutschland nicht als Antisemit zu erkennen gibt, aber doch immer wieder behauptet, die Juden seien durch ihr Verhalten oder die israelische Politik ja selbst schuld, dass Antisemitismus entsteht.

Wie macht sich dieser punktuelle Antisemitismus bemerkbar?

Zum Beispiel, wenn "Jude" auf Schulhöfen als Synonym für "Opfer" und als Schimpfwort gebraucht wird. Oder wenn die Spieler des Fußballclubs Makkabi beschimpft werden. Oder nehmen Sie die Friedhofschändungen - im Schnitt wird jede Woche in Deutschland ein jüdischer Friedhof geschändet.

Die Umkehrung von Täter und Opfer, die Sie beschreiben, ist im Grunde auch im Rabbi-Prozess geschehen. Das Mitgefühl für das Opfer kippte schnell in Häme, als klar wurde, dass auch Gurevich Fehltritte vorzuwerfen sind. Sind darin Züge des Antisemitismus zu erkennen?

Es ist ein sehr charakteristischer Mechanismus, dass man dem Opfer zum Vorwurf macht, dass es Opfer wurde, und es dadurch in eine Täterrolle drängt. Der Frankfurter Fall ist tatsächlich wie eine Wiederholung dieses alten Musters und gehört zu den Erscheinungsformen des aktuellen Antisemitismus, dass man den Juden etwa vorwirft, Vorteile aus dem Holocaust zu ziehen. Oder dass sie in Israel die gleichen Mittel anwenden würden wie die Nazis. Das entlastet. Gleichzeitig führt dieser Umgang mit dem Holocaust zu einem sekundären Antisemitismus, der eigentlich eine Fortsetzung des alten Judenhasses ist.

Wer die Zwischenrufe von Zuschauern im Gericht gehört hat, kann durchaus von offenem Antisemitismus sprechen. Wie erklären Sie sich, dass das plötzlich so einfach möglich ist?

Antisemitische Haltungen haben jahrhundertealte Tradition, sind durch die Nazizeit tief verankert. Das verschwindet nicht einfach. Das Erschreckende ist, dass bei Ereignissen wie dem Messer-Anschlag solche Einstellungen offenbar schnell wieder hochkommen. Das zeigt, wie dünn die Oberfläche ist und dass es in Deutschland sehr zurecht sanktioniert ist, sich als Antisemit zu bezeichnen. Ich weiß nicht, wer im Gerichtsaal gerufen hat, es gibt natürlich einen harten rechten Kern, der sich immer so äußert. Erschreckender ist, wenn so was in die Mitte der Gesellschaft hineinragt.

Schilderungen von Juden in Frankfurt, sie würden es nicht wagen, ihren Davidstern offen zu tragen, legen dies nahe. Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden, sprach gar von No-go Area Frankfurt.

Dahinter stecken Alltagserfahrungen von Juden, die man nicht unterschätzen darf. In Frankfurt gibt es aber sicher keine Gegenden, in die man als Jude nicht gehen darf. Antisemitismus im Alltag ist ein leider sehr kontinuierliches vorhandenes Problem. Das sehen wir auch in unserer pädagogischen Arbeit mit Schulklassen. Dass etwa über Schüler aus dem arabischen Raum zusätzlich der Israel-Palästina-Konflikt mit in die Thematik spielt. Es gibt keine Normalität. Ressentiments lassen sich nur durch eine ständige Auseinandersetzung mit Antisemitismus und dem Holocaust zurückdrängen.

Wie reagieren die Mitglieder der jüdischen Gemeinde auf den Prozessverlauf ?

Es herrscht eine Beunruhigung. Und wenn ich die Presseberichte lese, habe ich das Gefühl, dass einige Prozessbeteiligte - bewusst oder unbewusst - antisemitische Reaktionen in Kauf nehmen oder fördern. Andererseits ist Frankfurt eine Stadt, die sehr offene Diskussionen darüber ermöglicht.

Immer wieder wird laut, dass wir endlich so weit sein müssten, jüdischen Glauben in Zusammenhang mit einer Person nicht mehr wie im Reflex mitzuerwähnen. Was wäre nötig, um tatsächlich vor Antisemitismus gefeit zu sein?

Ignatz Bubis hat einmal gesagt, man könne ihn "Spekulant" nennen, aber nicht "jüdischer Spekulant". Das eine ist Polemik, das andere Antisemitismus. Damit hatte er sicher recht. Es ist aber wichtig zunächst zu akzeptieren, dass es "Normalität" im Verhältnis von Juden und Nicht-Juden in Deutschland noch nicht gibt, sonst würde man über sie gar nicht sprechen. Wichtig ist vielmehr, wie man mit der abnormalen Situation umgeht, dass in Europa vor nicht zu langer Zeit sechs Millionen Juden ermordet worden sind und dies natürlich Auswirkungen auf das Leben von Juden in Europa und ganz besonders in Deutschland hat. Um damit umzugehen, braucht es Interventionen, durch Lehrer, Museen, Kunst, Politik, etc. Wichtig ist die Konstanz, der lange Atem der Auseinandersetzung.

Quelle: FR-Online
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