Guide ist nicht gleich Guide
Viele Bundeswehrsoldaten besuchen die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Dass
nun ein Bundeswehrangehöriger selbst Besucher herumführen soll,
verärgert die dort wirkenden freien Museumspädagogen. Einem kündigte die
Gedenkstätte nun
VON ANDREAS SPEIT
Die eingeforderte Diskussion blieb bisher aus. Seit Monaten bereits
möchten die dort tätigen freien Museumspädagogen mit der Leitung der
Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme sprechen: über die Beziehungen zur
Bundeswehr im Allgemeinen. Und ganz konkret darüber, dass neuerdings ein
Bundeswehr-Angehöriger dort als freier Führer für Besuchergruppen wirkt.
Statt des erhofften Gesprächstermins folgte nun jedoch die Kündigung für
einen langjährigen Museumspädagogen.
"Der Anlass ist eine Protest-E-Mail von mir, in der ich die
Instrumentalisierung des Gedenkens für militärischen Zwecke kritisiert
habe", sagt Olaf K. Führungen, die ein Bundeswehrangehöriger durchführe,
mutmaßt K., dürften sich inhaltlich von anderen unterscheiden. Um seine
Kritik zu unterstreichen, weigerte K. sich sogar demonstrativ,
Bundeswehrgruppen über das Gelände zu führen. Diese stellen immerhin -
nach Schulkindern - die zweitgrößte Gruppe unter den Besuchern. Die
Antwort erhielt Olaf K. prompt per Post: Die Gedenkstättenleitung ließ
ihn wissen, dass sie ab sofort auf seine freie Mitarbeit als
Gedenkstättenpädagoge "verzichten" werde. Denn sie müsse davon ausgehen
können, dass die für sie tätigen Museumspädagogen jederzeit "für alle
Gruppen zur Verfügung stehen".
Keine Stellungnahme erfolgte jedoch zu der Kritik K.s, der in den
vergangen neun Jahren das Team der freien Guides mit aufbaute und
unzählige Führungen ausrichtete - darunter für hunderte von
Bundeswehrsoldaten. "Gesprächsangebote hat es gegeben", sagt Detlef
Garbe, der Leiter der Gedenkstätte. Ein Treffen sei aber nicht zustande
gekommen, räumt er ein.
Der nun so umstrittene Besucherführer hatte 2007 als Student der
Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr ein Praktikum in der
KZ-Gedenkstätte gemacht. Das sei "sehr gut" gelaufen, sagt Garbe, so
dass es keine Bedenken gegeben habe, als er fragte, ob er nicht weiter
mitwirken könnte. Beim Museumsdienst wurde der formal Angehörige der
Bundeswehr, so Garbe, als Honorarkraft eingestellt - wie alle freien
Guides. "Er hat keinen Auftrag der Bundeswehr", sagt Grabe, und solle
auch nicht nur für die Bundeswehr da sein. Anders als Olaf K. geht der
Gedenkstättenleiter davon aus, dass der Betreffende sich bei den
Führungen alleine an die Leitlinien der KZ-Gedenkstätte halten werde.
"Unfassbar", findet Fritz Bringmann, Ehrenpräsident der
Gefangenenorganisation "Amicale Internationale KZ Neuengamme", die
Kündigung von Olaf K. und spricht gar von einem "Machtmissbrauch". Die
Gedenkstätte, so Bringmann, müsse dringend "gemeinsam mit dem Team der
Gedenkstättenpädagogen und den Überlebendenverbänden über die
Bedingungen der Zusammenarbeit mit der Bundeswehr reden". Bringmann, der
selbst im KZ Sachsenhausen und Neuengamme inhaftiert war, ist entsetzt
darüber, dass hier, an einem Ort der Vernichtung von mehr als 50.000
Menschen und des Leidens so vieler weiterer, ein Armeeangehöriger
exponiert auftrete. "Ein Ort der Erinnerung", sagt er, "darf kein Ort
werden, an dem Bundeswehrsoldaten Führungen machen, für die der Gehorsam
und der Einsatz politisch gewollter kriegerischer Mittel nicht in Frage
steht." Seit der Befreiung sei "unsere Losung ,Nie wieder Faschismus,
nie wieder Krieg'. Das ist nicht aufgehoben." Die Häftlinge, sagt
Bringmann, "waren Opfer des Krieges, da kann man doch jetzt nicht
einfach Soldaten Führungen machen lassen".
Er sieht im aktuellen Streit die Fortsetzung eines älteren Konfliktes:
Im Februar 2004 hatte die Gedenkstätte Neuengamme eine Veranstaltung
"Werden Bundeswehrsoldaten auf psychische Belastungen bei
Auslandseinsätzen vorbereitet - ,Leben mit dem Massengrab'" mit
ausgerichtet. Dabei wurde in einem Filmbeitrag unter anderem gezeigt,
wie die Soldaten verarbeiteten, was sie im Kosovo erlebt hatten. "Eine
Bundeswehr-Therapiesitzung", so Bringmann damals einigermaßen entsetzt.
Nicht nur er beklagte, die Gedenkstätte werde dafür instrumentalisiert,
Soldaten auf Auslandseinsätze vorzubereiten. Die Leitung der
Gedenkstätte räumte später ein, die Veranstaltung sei "ungeschickt"
gewesen. "Ich hoffte", sagt Bringmann heute, "damit wäre das mit der
Bundeswehr geklärt."
Seitdem schwelt vielmehr der Konflikt. Über die Problematik schweigt
auch Detlef Garbe nicht: "Manche pädagogischen Mitarbeiter befürchten,
dass die KZ-Gedenkstätte von der Bundeswehr zur Legitimation von
militärischen weltweiten Einsätzen missbraucht werden" - getreu der
einst durch die rot-grüne Bundesregierung ausgegeben Maxime, gerade
wegen Auschwitz habe Deutschland heute Kriege zu führen. "Diese Sorge",
so Garbe weiter, "teile ich, ehrlich gesagt, aber nicht." Derweil fragt
sich Olaf K., ob die Leitung wirklich denkt, dass es keinen Unterschied
macht, ob jemand von der Bundeswehr-Universität Soldaten herumführt,
oder ob das jemand anderes tut. Ein Gespräch soll jetzt übrigens zeitnah
stattfinden.
DAS LAGER
Das 1938 eingerichtete KZ Neuengamme war das größte auf deutschem Boden
und Zentrum eines Lagersystems in ganz Norddeutschland. Bis Mai 1945
wurden hier 55.000 Menschen ermordet. Als die britische Armee das Lager
e rr eichte, fand sie keine Leichenberge vor wie etwa in Bergen-Belsen:
Die ausgehungerten Häftlinge hatte die SS in mörderischen Märschen davon
geschafft, alle Spuren des hier Geschehenen beseitigt. 1948 übergaben
die Briten das Lager an den Hamburger Senat, der dort bis 2006 mehrere
Gefängnisse betrieb. Für die Nutzung als Gedenkstätte mussten die
einstigen Häftlinge seit 1951 kämpfen.
Quelle: taz vom 5.6.08
Gedenkstätte Neuengamme
Leserbrief an die taz:
Guide ist nicht gleich Guide
ANDREAS SPEIT schreibt: "Viele Bundeswehrsoldaten besuchen die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Dass nun ein Bundeswehrangehöriger selbst Besucher herumführen soll, verärgert die dort wirkenden freien Museumspädagogen."
In die inhaltliche und politische Auseinandersetzung innerhalb der Gedenkstätte Neuengamme kann und will ich mich nicht einmischen.
Einmischen will ich mich jedoch in den Bereich "Ausgrenzung von Soldaten (der Bundeswehr) bei der Gedenkstättenarbeit, weil sie Soldaten sind". Wenn es dazu kommt, ist das für mich keine Meinungsäußerung, sondern Diskriminierung einer bestimmten Gruppe. Das haben wir schon einmal gehabt in Deutschland. Und wer als Gedenkstättenmitarbeiter so formuliert und fordert wie Olaf K., stellt m.E. seine persönliche Eignung für Gedenkstättenarbeit dabei zumindest grundsätzlich in Frage.
Heiko Kania, Hauptmann a.D., Vorstand "Dokumentations-/Gedenkstätte Geschichtslehrpfad / U-Boot-Bunker Valentin" e.V. in Bremen Farge
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