Willkommen in der Mitte der Gesellschaft
Rechtes Gedankengut und Demokratieverdrossenheit treffen auf neues »Nationalbewusstsein«
Die Mitte der Gesellschaft: Ein ominöses Konstrukt, von Journalisten oft zitiert, von Politikern umworben, beschworen und je nach Bedarf zurechtgebogen. Beim Thema politischer Extremismus etwa wird die Gesellschaft gerne in drei Blöcke aufgeteilt: Links, rechts und die Mitte. Die These dahinter: Am Rande tummeln sich die Extremisten und in der Mitte die »guten« Demokraten. Doch die neue Studie »Ein Blick in die Mitte« im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung kommt erneut zu dem klaren Ergebnis: Die Mitte ist durchzogen von rechtsextremen Einstellungen und einer »alarmierenden Geringschätzung des demokratischen Systems«.
Bereits vor zwei Jahren hatten die Wissenschaftler der Universität Leipzig mit der Repräsentativbefragung »Vom Rand zur Mitte« unter mehr als 5000 Deutschen gezeigt: Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und die Sehnsucht nach einem »Führer« sind fest in der Gesellschaft, auch in der so genannten Mitte, verankert. Für die nun vorgestellte Folgestudie führten die Forscher mit 60 der damals Befragten Gruppendiskussionen mit der Leitfrage, wie rechtsextremes Gedankengut in der heutigen Gesellschaft entsteht. Als eines der zentralen Ergebnisse nennen die Forscher, dass ausländerfeindliche Ressentiments »mit besorgniserregender Selbstverständlichkeit geäußert« werden, »auch bei Personen, die in der ersten Befragung nicht durch rechtsextreme Äußerungen aufgefallen waren«.
Daneben herrsche auch »ein großes Unverständnis über die Möglichkeiten zur Mitgestaltung in einer Demokratie«, die »weitgehend nur insofern akzeptiert wird, wie sie individuellen Wohlstand garantiert«. Oliver Decker, Psychologe und einer der Autoren der Studie erklärt: »Immer dann, wenn der Wohlstand als Plombe bröckelt, steigen aus dem Hohlraum wieder antidemokratische Traditionen auf.« Schon Bert Brecht wusste: »Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. «
Ausländerfeindlichkeit und Geringschätzung der Demokratie sind es aber nicht alleine, die es sich in der Mitte gemütlich machen. Zu ihnen gesellt sich ein neues Nationalgefühl, das sich weithin sichtbar an der schwarz-rot-goldenen Beflaggung von Autos, Häusern und Menschen und einer 66-prozentigen Zustimmung zum Herzeigen des bunten Feudels manifestiert (Forsa-Umfrage). »Das zeigt, dass das Nationalbewusstsein in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist«, so der Bonner Politologe Volker Kronenberg. Laut der Forsa-Umfrage sind zudem 70 Prozent der Befragten sehr oder ziemlich stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Warum auch immer. Oder wie es Schopenhauer ausdrückte: »Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu sein.« Rechtsextremes Gedankengut, Demokratieverdrossenheit und »Nationalbewusstsein« – eine üble Mischung, die in der Vergangenheit Hass, Gewalt und das »Dritte Reich« gebar, hat sich da in der Mitte zusammengebraut.
Als mögliche politische Konsequenzen ihrer Studie nennen die Autoren eine massive Demokratisierung von Institutionen, Schulen und Betrieben und neue Partizipationsformen und -methoden, insbesondere für Migranten und »bildungsbenachteiligte Mitglieder unserer Gesellschaft«. Auch »Diskurse, die eine Ungleichwertigkeit von Menschen behaupten, müssten unterlassen und gesellschaftlich geächtet werden«. Zudem warnen die Forscher vor einer Gleichsetzung zwischen NS- und DDR-Diktatur und mahnen die Erhaltung einer »sensiblen Erinnerungskultur bezüglich der deutschen nationalsozialistischen Vergangenheit« an.
quelle: Neues Deutschland
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