Kindererziehung und Jugendarbeit in neonazistischen Organisationen
| Der Tradition verpflichtet Kindererziehung und Jugendarbeit in neonazistischen Organisationen - ein Überblick Auch heute noch werden Kinder und Jugendliche in eigens dafür geschaffenen Organisationen im Sinne der nationalen beziehungsweise nationalsozialistischen Tradition erzogen, wenn auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. In den Fokus der Medien ist diese Sozialisierung des eigenen Nachwuchses aktuell durch die Verbotsdiskussion um die "Heimattreue Deutsche Jugend" geraten. Dabei ist das Phänomen nicht neu, "Jugendarbeit" war und ist ein Aktivitätsfeld der extremen Rechten seit dem Ende des Nationalsozialismus 1945. | |||
| Entwicklung nach 1945 Aus der Angst heraus, dass mit der "Umerziehung" der Deutschen durch die Alliierten zum Demokratiebewusstsein die völkischen und nationalen Traditionen und Tendenzen beendet werden würden, versuchte das rechte Spektrum, die völkischnationale Bewegung zu erneuern. Neben "Kulturgemeinschaften " und ähnlichen Zirkeln entstanden seit den 1950er Jahren auch neue Jugendorganisationen, oftmals getarnt als unpolitische Pfadfindergruppen oder Gruppen zur Jugendpflege. Mit der Einbindung von Kindern und Jugendlichen in eigene Jugendverbände hofften die alten Kader des Nationalsozialismus, diese gegen die unerwünschten Einflüsse der neuen Gesellschaft zu immunisieren, sie fest in das eigene Milieu einzubinden, neue Kader herauszubilden und somit der "nationalen Opposition" zur Erneuerung zu verhelfen. Pointiert formuliert dies der Politikwissenschaftler Gideon Botsch 2007: "In den Jugendbünden konnten sich Beziehungen und Netzwerke, die Erlebnisangebote und Habitusmodelle herausbilden, die das lebensweltliche Milieu der extremen Rechten […] bis heute strukturieren und stabilisieren." Von überregionaler Bedeutung waren der "Jugendbund Adler" (JBA, 1950, Selbstauflösung Ende der 1960er Jahre), die wohl langlebigste und der NPD nahe stehende Organisation "Wiking Jugend (WJ, 1952, Verbot 1994), angeführt von den Nahraths, und der "Bund Heimattreuer Jugend" (BHJ, 1964 bis 1988). Der JBA wirkte aktiv am Ausbau der rechtsradikalen Jugendorganisationen durch die Gründung des Dachverbandes "Kameradschaftsring Nationaler Jugendverbände" (KNJ, 1954, ca. 20.000 Mitglieder, bis Ende der 1960er Jahre) mit. WJ und BHJ waren darin organisiert und nutzten als gemeinsames Symbol die Odalsrune. Die BHJ kann organisatorisch, personell und ideologisch als historischer Vorläufer der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ, 2001) bezeichnet werden. Die Berliner Einheit "Die Heimattreue Jugend" (DHJ, 1990), eine Abspaltung der BHJ, gilt als unmittelbarer Vorläufer der HDJ. Charakteristisches Merkmal dieser Jugendbünde ist, dass sie sich nicht allen öffnen. Sie rekrutieren nicht die "Masse ", sondern "keilen" gezielt neue Mitglieder, die gut zur bestehenden Gruppe passen: Die Auswahl von Kindern und Jugendlichen erfolgt nach dem Prinzip der "Harmonisierung". Die Jugendlager selbst wurden und werden gegenüber der Öffentlichkeit abgeschottet - wenn es sein muss, auch mit Gewalt. Im Laufe der Jahre hat sich die Zielsetzung der Jugendbünde gewandelt: Galten sie in den Jahren nach 1945 der Erneuerung der "nationalen Opposition" in Abwehr des neuen demokratischen Verfassungsstaates, so dienen sie heute vielmehr der Wiedererschaffung der "heimattreuen" Familie als Kern der "Volksgemeinschaft", als Auslese, als Elite. (Gideon Botsch, 2007). Geblieben ist das Selbstverständnis, dass der Bund vor allem der Abschirmung seiner Mitglieder im Kinder- und Jugendalter dienen, sie gegen schädliche äußere Einflüsse immunisieren und eine eigene Lebenswelt als Gegenentwurf zur verhassten demokratischen und multikulturellen Gesellschaft hervorbringen soll. Die Jugendbewegung vor 1945 Die Jugendarbeit in der neonazistischen Rechten weist diverse ideologische Anknüpfungspunkte und äußerliche Parallelen zur Jugendbewegung der wilhelminischen Zeit und der aus ihr entstandenen bündischen Jugend nach dem Ersten Weltkrieg auf. Die deutsche Jugendbewegung bildete sich am Ende des deutschen Kaiserreiches als Reaktion auf den "Muff" jener Ära heraus. Die Jugendlichen verstanden sich als Rebellen gegen die bestehenden Verhältnisse wie technische Fortschrittsgläubigkeit, materielles Profit- und Wohlstandsdenken und die Enge der Großstädte. Die Jugendbewegung war ein Teil jener idealistischen bürgerlichen Bewegung, die von einem ausgeprägten Kulturpessimismus geleitet wurde und diesen zu überwinden suchte. Die Ablehnung der Moderne und unpolitisches Verhalten waren vorherrschend. "Jugend" galt als der Aufbruch, als die "kommende" Kraft, der die Zukunft gehöre. Geprägt durch antimoderne und irrationale Elemente wie romantische Schwärmerei und elitäres Denken erhob die deutsche Jugendbewegung den Anspruch, die "alten Traditionen" weiterleben zu lassen. Es wurde versucht, durch Fahrten auf das Land, Lagerfeuerromantik und Rückbesinnung auf das Lebensprinzip des (Männer-) Bundes der als dekadent verstandenen Moderne ein anderes Gesellschaftsmodell entgegenzusetzen. Die Gruppe sollte das Gemeinschaftserlebnis fördern. Die Jugend rang um Autonomie, was sich in dem Erziehungsprinzip "Jugend führt Jugend" der Jugendverbände widerspiegelt. Damit wurde der Erwachsenwelt eine klare Absage erteilt. Die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges veränderten die Jugendbewegung. Sie entwickelte sich zu einem uneinheitlichen Gemenge von bündischen und nichtbündischen Jugendgruppen Ihre bündische Ausrichtung radikalisierte sich größtenteils in klarer Abgrenzung gegen die verhasste Weimarer Republik und lud sich mit nationalistischen, völkischen bzw. militaristisch- patriotischen Elementen auf. Nun übernahmen auch Ältere die Führung und das Prinzip "Jugend führt Jugend" wurde aufgehoben. Trotz ihrer Uneinheitlichkeit und der teilweisen Widersprüchlichkeit verschiedener Strömungen war der bündischen Jugend der Irrationalismus und die Aktionsorientierung zur Destabilisierung der Weimarer Demokratie gemeinsam. Der Mythos "Jugend" lebte in der "Hitler Jugend" (HJ) im Nationalsozialismus weiter. Zwar wurden mit dem Machtantritt der NSDAP 1933 alle Jugendverbände verboten, und mit dem "Gesetz über die Hitlerjugend" vom 1. Dezember 1936 die HJ als einzige Sozialisationsinstanz neben Schule und Elternhaus installiert, doch lebte der Geist der bündischen Jugend weiter. Baldur von Schirach, der "Jugendführer des Deutschen Reiches", formte die HJ zu einem volksgemeinschaftlichen Jugendstaat, in dem die "totale" Erziehung von Kindern und Jugendlichen durchorganisiert wurde. Erziehung und Erziehungswissenschaft im Dienste des NS "Meine Pädagogik ist hart!" - so formulierte Adolf Hitler seine Erziehungsprinzipien. "Das Schwache muss weggehämmert werden. Es wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich [...]". "Hart wie Kruppstahl, flink wie Windhunde und zäh wie Leder" sollten die Kinder werden. Diese Vorstellung von Pädagogik wurde auch von Vertretern der Erziehungswissenschaften getragen. Als NS-"Hofpädagogen" gelten vor allem Ernst Krieck und Alfred Baeumler. Das Werk "Nationalpolitische Erziehung" von Krieck (1932) wurde zur politischpädagogischen Bibel für nationalsozialistische Studenten und Lehrer. In diesem Werk formuliert Krieck seine Thesen: Nicht das, was absichtsvoll - intentional - mit Kindern gemacht werde, sei entscheidend an der Erziehung, sondern die Art und Weise, wie Kinder in den sozialen Gemeinschaften aufwüchsen. Diese Gemeinschaften erzögen "funktional", also durch ihre bloße Existenz, und Personen seien nur Funktionsträger solcher Gemeinschaften. Gemeinschaften formten keine Individuen, sondern Typen nach einem kollektiven Leitbild. Diesen Prozess der kollektiven Assimilierung nennt Krieck "Zucht". Erziehung sei eine Urfunktion im Gemeinschaftsleben, daraus resultierend betont er vier gleichberechtigte Formen der Erziehung: 1. Die Gemeinschaft erziehe die Glieder. 2. Die Glieder erzögen einander. 3. Die Glieder erzögen die Gemeinschaft. 4. Die Gemeinschaft erzöge die Gemeinschaft. In der NS-Bewegung sieht er diese Vorstellung vollendet und hofft, mit ihr seine völkisch-pädagogischen Vorstellungen realisieren zu können. Die Hauptaufgabe der nationalsozialistischen Erziehung sei, das Volk zu einer organischen Gemeinsamkeit, zu einer Ganzheit, zu entwickeln. Die Ausgangsidee Kriecks ist dabei, dass das Volk ein lebendiges Wesen sei, somit einen Charakter habe, den man erziehen könne. Erziehung zur Gemeinschaft solle durch Erziehung in der Gemeinschaft erfolgen. Sie diene der "Emporzucht" des Volkes und Entfaltung des "Volkscharakters". Krieck verstarb 1947 im Internierungslager und wurde posthum entnazifiziert. Alfred Baeumler, der bei der Bücherverbrennung 1933 in Berlin die Ansprache hielt, erhielt 1934 für seine "wissenschaftlichen Dienste" ein Amt in der Abteilung "Wissenschaft" im Amt für "Weltanschauung und Ästhetik in der Kultur" und 1935 eine extra für ihn eingerichtete Professur für "Politische Pädagogik". Baeumlers Erziehungsidee besteht aus drei Kernthesen, die in "Politik und Erziehung. Reden und Aufsätze der Jahre 1929-1933" (1937) nachzulesen sind: 1. Männerbündischer Germanismus, 2. Kraft der Symbole, 3. Politisierung der Pädagogik. Baeumlers Erziehungsziel war der "wirkliche" Mensch, der ein politisch, aktivistisch, soldatisches Wesen sei, das geschichtlich in eine Volksgemeinschaft hineinwachse und daher eine geschichtliche Aufgabe habe - die des politischen Soldaten. Baeumler formuliert 1933, dass das Erziehungsziel ein Typus des Soldaten sei, der mit dem Führerprinzip verbunden sei, ein gewollter Typus, der der neuen Einheit des Volkes entspreche. Die Erziehung zum soldatischen Typus müsse ein Bild haben, das Bild des gefallenen Soldaten. Der Soldat sei der Kämpfer, der für Volk und Vaterland sein Leben lasse. Daher müsse der junge Mann in der Gemeinschaft, im gemeinsamen Erleben des Kampfes erzogen werden. Dafür biete sich am besten der sportliche Wettkampf an. Leibesübungen ermöglichten ein "Stück reales Gemeinschaftsleben". So fordert Baeumler, dass der Turnplatz beziehungsweise die Turnerschaft die wichtigste nationalpolitische Erziehung leisten solle. Er findet das optimale Erziehungssystem im Männerbund realisiert. Der Bund stelle ein Erziehungssystem, indem er seine Mitglieder trage, erziehe und forme. Nur der Männerbund, gegliedert durch eine persönliche Führer-Gefolgschaft-Beziehung in wechselseitiger Treue, könne die Basis eines zukünftigen deutschen Reiches nach germanischer Tradition sein. Nach dem Krieg wurde Baeumler 1946 in einem zweiten Entnazifizierungsverfahren als unbelastet eingestuft. 1950 distanzierte er sich von seinen früheren Schriften als "Verirrung des Geistes". Härte, Gemeinschaft, Männerbund, Führerprinzip - Leitideen nationalsozialistischer Erziehung, wie sie auch heute noch in neonazistischen Jugendorganisationen praktiziert werden. Erziehungsmethoden, die den zu Erziehenden die Möglichkeit nehmen, sich frei und selbstbestimmt zu entwickeln. | |||
Quelle: Der Rechte Rand
Werbung
Diesen Post teilen
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post
/image%2F1377997%2F20150108%2Fob_508aca_kban.jpg)