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Unfassbares Leid veranschaulicht

27. September 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Antimilitarismus

Unfassbares Leid veranschaulicht

26. September 2008 | 00:10 Uhr | von Andreas Vones


Zeitzeugen, einst standen sie sich bewaffnet gegenüber, heute sind sie befreundet: Josef Klein (li.) und Henrik Skrzypinski aus Polen

"Kriege dürfen nicht geschehen". Auf diesen einfach klingenden Nenner brachte nicht nur Tomasz (18) aus Polen sein persönliches Ergebnis einer Schulreise der besonderen Art. Die Jugendlichen von der Oberschule "I Liceum Ogólnoksztalace" im polnischen Wagrowiec nahmen zusammen mit Gymnasiasten des Wittenburger Christian-Ludwig-Liscow-Gymnasiums an der zweiten Jugendbegegnungsreise der deutschen Monte Cassino Stiftung teil.

WITTENBURG/CASSINO - In Cassino trafen sie auf italienische Gleichaltrige, um sechs Tage lang gemeinsam mehr über die Schrecken des Krieges zu erfahren, darüber zu diskutieren und um sich näher kennen- und verstehen zu lernen. Ermöglicht hat diese aufwändige und kostenintensive Reise die Monte Cassino Stiftung mit Sitz in Rinteln. Richard Hartinger, Unternehmer mit Wahlheimat Schwechow in Mecklenburg verlor auf dem Monte Cassino Schlachtfeld seinen Vater, den Begründer der riha-Getränkegruppe mit heute mehr als 2000 Beschäftigten. (u.a. Fruchtquell in Dodow).

 
"Es ist unglaublich, was ein Krieg anrichten kann und wie viele Menschen allein in nur dieser Schlacht gestorben sind", sagt Alexandra (15) nach den ersten Stunden auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Cassino. Auch für Johanna (17) aus dem polnischen Wagrovice wird erst hier am Ort der Schlacht, umgeben von über 100000 Gräbern klar, dass sie im Schulunterricht und auch durch die thematische Vorbereitung auf diese Reise keine wirkliche Vorstellung hatte, wie viele Menschenleben eine Schlacht im Krieg fordern kann. Die gemeinsame Grabpflege nach der Ankunft im sonnigen Italien und die Betrachtung von Einzelschicksalen in gemischter Gruppenarbeit vermittelte den jungen Menschen einen tiefen und nachhaltig wirkenden Eindruck vom Krieg. Das Multimedia-Museum "Historiale di Cassino" zeigt in einzigartiger Weise den grausamen Schrecken des Krieges und der Gewaltherrschaften. Originalfilm- und Fotodokumente erzählen dort in verschiedenen Themenräumen das vernichtende Bombardement und das Leid von Soldaten und Zivilbevölkerung in der Schlacht um Monte Cassino, aber auch die politischen Hintergründe werden aufgezeigt. An der so genannten Gustav-Linie, einem von der deutschen Wehrmacht gegen die aus dem Süden Italiens vorrückenden alliierten Truppen quer durch Italien errichteten Verteidigungswall , lieferten sich Soldaten aus 32 Nationen von Ende 1943 bis zum Mai 1944 eine so erbitterte wie tödliche Schlacht mit mehr als 100 000 Gefallenen. Schon die einzigartige mediale Darstellung im Museum mit ergreifenden Originalfilmaufnahmen der Bombardierung des weltberühmten Klosters Montecassino rief schon am ersten Tag der Jugendbegegnungsreise betroffenes Schweigen hervor. "Einen Krieg gewinnt niemand, es gibt nur Verlierer", darüber sind sich alle einig. Und am Diskussionsnachmittag mit Zeitzeugen wurden von den polnischen und den deutschen Schülern sehr konkrete Fragen gestellt. Es war weniger das eigentliche Kriegsgeschehen, sondern die persönlichen Gefühle und Motivationen der Soldaten, was sie interessierte. Henrik Skrzypinski (84) aus Polen erzählte dreisprachig seine Erlebnisse und die besondere Situation der polnischen Truppen.

Zeitzeuge: "Irgendwie waren wir doch alle verblendet"Josef Klein (86), Mitbegründer der Monte Cassino Stiftung, erzählte anschaulich, wie er in den ersten Kriegswochen als ganz junger Mann noch ein euphorischer Soldat der Wehrmacht war und wie der Krieg ihn veränderte aufgrund der grausamen Schrecken, die er und auch alle anderen Soldaten erleiden mussten. "Ich war überzeugt davon mein Vaterland beschützen zu müssen", sagt er, "nicht für Hitler, sondern für die deutschen Menschen. Irgendwie waren wir doch alle verblendet damals." So wurde auch die Nazipropaganda und die politischen Umstände des Krieges, insbesondere der verheerenden Schlacht um Monte Cassino thematisiert.

"Es ist für mich unglaublich, dass es wieder einmal so einen Krieg geben könnte", erzählt Johanna (17) mit Tränen in den Augen. Für die 15jährige Alexandra aus Wittenburg ist die Gefahr eines solchen Krieges dennoch nicht gebannt. "Ich befürchte, dass die Menschen immernoch nicht genug aus diesen Kriegen gelernt haben", sagt sie. "Die Zusammenführung junger Menschen aus verschiedenen Nationen und das Aufzeigen der Kriegsschrecken oder des grausamen Regimes ist heute wichtiger denn je", meinen auch Staatssekretärin Dr. Margret Seemann und Landrat Rolf Christiansen, die der Jugendbegegnung in Cassino einige Tage beiwohnten. "Die generelle Erinnerungsarbeit hat in der Arbeit des Landkreises Ludwigslust einen sehr hohen Stellenwert", erläutert Landrat Christiansen. "Der Landkreis ist Mitglied im Verein Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin und im VBDK. Damit hat die gesamte Erinnerungsarbeit besonderes Gewicht in der Arbeit und kann nicht nur am Ort (u.a. Wöbbelin) gesehen werden, sondern ist in seiner Gesamtheit zu betrachten", so Landrat Rolf Christiansen. "Wenn Schülerinnen und Schüler sich mit diesem Thema intensiv auseinander setzen und sich auch im Rahmen von solchen Bildungsreisen einbringen, so gilt es, dies auch durch den Landkreis zu unterstützen. Darüber hinaus ist dies ein wichtiger Schritt zur Völkerverständigung."

Bei der gemeinsamen Gedenkfeier auf dem Rathausplatz in Cassino brachten einzelne Gruppen der Schulen in berührender Eintracht mehrsprachig ihren Wunsch nach Frieden zum Ausdruck und lasen u.a. Udo Lindenbergs Liedtext "Wozu sind Kriege da" auf deutsch und polnisch vor.

Wiedersehen in MecklenburgDie gewünschte Völkerverständigung stellte sich vom ersten Tag an ein, neben dem tragischen und dramatischen Thema des Krieges vereinte die jungen Leute auch die Freude an der Reise mit einem fröhlichen "Bella Italia Lebensgefühl". Nach dem letzten Geschichts-abstecher mit Besuch der Ausgrabungsstätte Pompeji wurden Adressen und Telefonnummern ausgetauscht. Sicher ist, dass man sich wiedersieht, denn Richard Hartinger lud alle Teilnehmer aufgrund des tollen Ablaufes der Reise im nächsten Jahr nach Mecklenburg ein.

Quelle: Schweriner Volkszeitung
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