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Zeuge der Ausschreitungen in Mügeln verprügelt

1. Oktober 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - Bundesweit

Polizei prüft Zusammenhang mit Ereignissen vor einem Jahr - Politiker fordern Aufklärung
VON KATRIN LÖWE, 30.09.08, 16:22h, aktualisiert 30.09.08, 21:22h
Ortseingang von Mügeln
Das Ortseingangsschild von Mügeln. (Foto: ddp)
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MÜGELN/MZ. Es ist eine Meldung, von der wohl sonst lediglich die lokalen Medien überhaupt Kenntnis nehmen würden: In der Nacht zum Sonntag wurde im sächsischen Mügeln ein 35-jähriger Mann brutal zusammengeschlagen. Ein Fall, wie er täglich überall in Deutschland passieren könnte. Dass er es dennoch zu nationaler Aufmerksamkeit bringt, hängt mit jenem 19. August 2007 zusammen, dem Tag, an dem Mügeln blitzartig in die Schlagzeilen geriet. Damals war es bei einem Volksfest zu schweren Ausschreitungen zwischen rund 50 Deutschen und mehreren Indern gekommen, bei der rechte Parolen gebrüllt und 14 Menschen verletzt wurden. Der 35-Jährige, der jetzt eine Platzwunde am Kopf sowie Prellungen erlitt, ist möglicherweise ein "Folge-Opfer" jener Augustnacht 2007. Erst vor kurzem war er als Zeuge in einer TV-Produktion mit dem Titel "Der Tag, als der Mob die Inder hetzte" aufgetreten.

Die Schläge und Tritte ein Racheakt für seinen couragierten TV-Auftritt? "Es ist richtig, dass das Opfer in der Sendung etwas gesagt hat. Der Mann ist auch bisher als Zeuge in Ermittlungsverfahren und vor Gericht aufgetreten", sagt der Leipziger Staatsanwalt Ricardo Schulz. Ob dies das Motiv für die jüngsten Schläge war, müsse aber noch geprüft werden. Der Staatsschutz hat den Fall übernommen. Kurz vor den Schlägen sei das Opfer an einer Gruppe von 15 Personen vorbeigelaufen, aus der gerufen wurde "Dort ist er!". Ein 20-jähriger Verdächtiger wurde ermittelt, der laut Schulz polizeibekannt ist - seine möglicherweise rechte Gesinnung werde noch geprüft.

Kamil Taylan vom Hessischen Rundfunk hat daran kaum Zweifel. Er ist der Autor der TV-Dokumentation, hat von den vergangenen 13Monaten viereinhalb in Mügeln verbracht. Nach seiner Kenntnis soll der 20-Jährige zu einer Gruppe um den Haupttäter der Angriffe von 2007 gehören, die sich regelmäßig an einer Tankstelle in Mügeln trifft. Das Opfer wiederum sei Mitarbeiter der Pizzeria, in die sich die Inder damals aus Angst vor dem Mob geflüchtet hatten. "Er hat seitdem immer wieder Provokationen erlebt", so Taylan.

Jetzt sind erneut Journalisten in der 5000-Seelen-Stadt. Laut Leipziger Volkszeitung will sich aber aus Angst kaum jemand äußern. Das Blatt berichtet von einem E-Jugend-Fußballspiel im März, das wegen rechter Parolen abgebrochen werden musste. Von einem Einwohner, der glaubt, dass das Problem Rechtsextremismus noch immer unterschätzt werde. Erst im vergangenen Jahr war Bürgermeister Gotthard Deuse (FDP) scharf für eine Äußerung kritisiert worden, Mügeln habe kein rechtes Problem.

"Das Problem wird absolut unterschätzt. Es mag sein, dass wir keine festen rechten Strukturen im Ort haben. Das heißt aber nicht, dass es keine Rechten gibt", sagt ein Sprecher des Vereins "Vive le Courage", der sich nach den Angriffen auf die Inder gegründet hat und über Rechtsextremismus in Mügeln aufklären will. Regelmäßig gebe es in Mügeln Vorfälle. Pöbeleien wie ein "reißt den Türken um" bei einem Fußballspiel im vergangenen Jahr seien Alltag.

Die sächsische Opferberatung sieht Mügeln zwar nicht als rechtsextreme Hochburg, wünscht sich aber dennoch mehr Sensibilität. "Die Aufmerksamkeit im vergangenen Jahr hat zu einer sehr starken Abwehrhaltung im Ort geführt." Und zu Schweigen, auch über neue Fälle. "Den offenen Umgang mit dem, was passiert, vermisse ich ein bisschen", sagt Sozialpädagoge Franz Eder. Journalist Taylan drückt es noch drastischer aus. Rechtsextremismus unterschätzt? "Er wird gar nicht wahrgenommen, auch bei der normalen Bevölkerung nicht", sagt er. Bürgermeister Deuse, der gegenüber Journalisten die Tat vom Wochenende als "scheußlich und feige" verurteilte, war Dienstag nicht erreichbar.


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