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Soldatenfriedhof Essel wieder Nazi-Wallfahrtsort?

12. November 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - lokal

Soldatenfriedhof Essel wieder Nazi-Wallfahrtsort!

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Wegen schlechter Erfahrungen beobachten AntifaschistInnen jedes Jahr am Volkstrauertag den Soldatenfriedhof Essel im Süden des Landkreises Soltau-Fallingbostel (SFA). Der Soldatenfriedhof liegt direkt an der L 190 in der langgezogenen Kurve zwischen Hademstorf und Allerbrücke bei Essel.
Seit mehreren großen Demonstrationen Mitte der 80er Jahre an Volkstrauertagen hatten sich nur noch selten Nazis organisiert dort eingefunden. Wallfahrtsort für Einzelne blieb der Soldatenfriedhof weiterhin. Aber jetzt kommen die Nazis wieder:

2006 lag Tage nach dem Volkstrauertag dort ein Kranz mit der Aufschrift auf schwarzen Kranzschleifen "Die Kameraden der HIAG Hannover" und "Treue um Treue". (HIAG heißt: Hilfsorganisation auf Gegenseitigkeit der Soldaten der ehem. WaffenSS)

Am Volkstrauertag 18.11.07 steht erstmals ein Fahnenmast mit Deutschlandfahne auf dem Friedhof. Wir Beobachter verlassen um 15.30 Uhr den, immer von Polizei an diesem Tag bewachten, Soldatenfriedhof. Nicht viel später tauchen Nazis aus Celle und Hildesheim auf, um eine Gedenkfeier abzuziehen. Die wenigen Polizisten sind anfangs trotz körperlichem Einsatz hilflos. Erst hertelefonierte weitere Polizisten schaffen eine umfassende Ausweiskontrolle. In den täglichen Polizeipresseberichten ist bis heute nichts darüber zu finden. Aber die Nazis hatten dieses Ereignis mit Fotos in diverse homepages reingestellt:  sh. Anhang von einer Kameradschaft aus Gütersloh.

Am Totensonntag 25.11.07 tauchte um 14 Uhr die HIAG- WaffenSS mit alten und jungen Leuten in Feiertagskleidung auf. Ein Kranz wie im Vorjahr wurde niedergelegt. 5 Bambusfackeln wurden entzündet. Die Deutschlandfahne flattert am Mast (wohl von Dorfvereinen aus Essel aufgestellt). Ob eine regelrechte Gedenkfeier stattfand ist unbekannt. Polizei war nicht vor Ort.

Wir rechnen am Volkstrauertag 2008 und in der Folge mit zunehmenden Nazi-Wallfahrten und gespenstischen Militaristenfeiern auf dem Soldatenfriedhof Essel.
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Zur Geschichte der Auseinandersetzungen um den Soldatenfriedhof Essel:

Um den Aller-Brückenkopf bei Essel (zwischen Hodenhagen und Schwarmstedt) gegen die Angriffe der Alliierten zu halten, wurden die Reste verschiedener deutscher Einheiten eingesetzt. Die Alliierten wollten schnell zum Truppenübungsplatz Bergen-Hohne (zwischen Essel-Bergen-Fallingbostel) vordringen. Im Esseler Wald kämpften auf deutscher Seite Soldaten einer Marine-Einheit, der Waffen SS, des Reichsarbeitsdienstes. Auf dem 1950 eingerichteten kleinen Soldatenfriedhof im Wald an der langgestreckten Kurve der L 190 zwischen Hademstorf und Allerbrücke sind über 114 Deutsche begraben, darunter die meisten 17 - 20jährig.

Jahrzehntelang fanden sich immer am Volkstrauertag im November Militaristen und Nazis nachmittags ein, um gemeinsam mit Esseler Vereinen, der Gemeinde, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und vielen Neugierigen aus der Umgebung ein Heldengedenken abzufeiern.

Nach dem Volkstrauertag 1968 (oder schon 1967?) stand in der Walsroder Zeitung, dass dort 3 Kränze geklaut worden seien, die von der Marinekameradschaft, vom Bund Notgemeinschaft Arbeitsdienst und der HIAG (Hilfsorganisation auf Gegenseitigkeit der Soldaten der ehem. Waffen SS). Die Kränze von Gemeinde und Kriegsgräberfürsorge blieben liegen.
Als junger Mann schrieb ich einen Leserbrief mit Aufklärendem über die 3 Nazi- und Militaristenorganisationen. Böse nazi-mäßige Leserbriefe, Erkundigung der politischen Polizei über mich beim Bürgermeister, Druck von Kunden auf meinen Vater (alleinwerkelnder Handwerksmeister im Nachbardorf) waren die Folge. Das ging über Monate so. Lediglich Pastor Werner Ballnus aus Schwarmstedt unterstützte mich per Leserbrief. Meine Familie bekam Hausbesuche von einem ehem. Reichsarbeitsdienstführer und von der politischen Polizei.

1 Jahr später beim Volkstrauertagsgedenken vorm Kriegerdenkmal in Hademstorf stand mein Vater in Schützenvereinsuniform in Reih und Glied. Der örtliche Redner vom Kyffhäuserbund zog ohne meinen Namen zu nennen über mich her. Etwa so: Ein junger Mann aus unseren Dörfern hat Schande über uns gebracht ...
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Mitte 70er Jahre hält auf dem Soldatenfriedhof Essel der Schwarmstedter Pastor Dreier vor dem beschriebenen Publikum eine Ansprache, in der er auch die Opfer in KZ's und in der Sowjetunion in sein Gedenken aufnimmt. Das war den alten Nazis zuviel. Vor Schlägen von den Nazis, durch seine Esseler Dorfschützenvereinsleute geschützt, mußte der Pastor vom Friedhof fliehen.

Aufgrund der verbalen und körperlichen Angriffe auf Pastor Dreier wollten die Esseler Vereine nicht mehr gemeinsam mit den Nazis ihr Gedenken veranstalten. Sie kamen ab dem nächsten Jahr morgens auf den Soldatenfriedhof, die Nazis und Militaristen nachmittags.
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Einige Tage vorm Volkstrauertag 1983 warfen nachts Unbekannte ein oder 2 Grabsteine um und bemalten Gedenkstein und Info-tafel mit Sprüchen wie "Nazis raus". Diese Tat wurde am Tag vorm Volkstrauertag, groß aufgemacht, in der Walsroder Zeitung angeprangert.

Am Volkstrauertag 13.11.83 gehen wir mit 11 Leuten von Gewerkschaftsjugend und Friedensbewegung zwischen die Versammelten Altnazis und halten dann ein Transparent hoch mit der Aufschrift "Verbot HIAG Waffen SS"
Es geht ganz schnell: Das Transparent wird zerrissen. Alte Männer in Loden und Frauen in Pelzen schlagen und treten auf uns ein. Ein mir bekannter Staatschutzbeamter sagt zu meiner Beschwerde nur: Da haben Sie selbst Schuld Herr ... .

Zufällig filmt das Bremer TV "Buten un Binnen" die Szenerie. Noch lange heißt es auch in den Dörfern, wir hätten uns mit den TV-Leuten abgesprochen. Stimmt aber nicht, war reiner Zufall, dass die auch dort waren. "Buten un Binnen" hatte zuvor schon die Militaristen bei ihrer Feier im Saal einer Esseler Dorfkneipe gefilmt. Man sprach in den Dörfern gar davon, dass das TV aus der DDR gewesen sei.
Unter den mehreren hundert Nazis waren: Marinekameradschaft, flämische Faschisten mit Fahnen, wenige jüngere Nazis in schwarzem Leder mit langen Stiefeln, HIAG Waffen SS, Ordensbund der Ritterkreuzträger, Bund Notgemeinschaft Arbeitsdienst, 5 von der "Reservistenkameradschaft Militärsport Buchholz/Aller"  machten in Bundeswehruniform Ehrbezeugungen vor den versammelten Faschisten.
In 3 Reden wurde die Rote Armee zur "sowjetischen Dampfwalze". Sie dankten "den jungen Kämpfern der Waffen SS" und anderer Verbände die hier "ihren Eid hielten" und "für Deutschland starben". Sie dankten den "tapferen Wehrmachtsfrauen" und Flakhelferinnen. Ein Redner: "Wir gingen 1939 in den Krieg hinein, wie in einen Opfergang. Wir wollten die Freiheit erhalten". Gefordert wurde, dass auch in der Bundeswehr "die Freiheit notfalls mit dem Leben" verteidigt werden müsse. Ein Redner forderte alle auf, sich an den Händen zu fassen und die dritte Strophe des Deutschlandliedes gar zu "beten" mit den Worten: "ich bin überzeugt, dass unser Gott uns hören wird". Zum Abschluß sangen alle die erste Strophe des Deutschlandliedes "... von der Maas bis an die Memel..."

Auf einem der Autos, ein Mercedes, prangte das
Wort " preussen " und dessen Kfz.-Kennzeichen lautete:
  " VER-SS 1 "

Die Fernsehleute von "Buten un Binnen" hatten im Saal der Dorfkneipe gefilmt, sich aber Drohungen anhören müssen. Sie sollten den Saal nicht betreten. Erst hier erfuhren sie von der Nachmittagsfeier.
Das Bremer Fernsehen hatte zuvor beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge nach einer besonderen Volkstrauertagsfeier gefragt und als Antwort "Soldatenfriedhof Essel" erhalten.

Zu Volkstrauertag 1983 auf dem Soldatenfriedhof Essel siehe auch: Alternativ-Zeitung "Provinz-Bote" Nr. 20 Dez. 1983 und Nr. 21 Febr.-März 1984  ( www.provinzbote.de )
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Für die Volkstrauertage 1984 und 1985 rufen wir als breites lokales und überregionales Bündnis zu Demos zum Soldatenfriedhof auf. (1984 ist VVN-Niedersachsen Demo-Anmelder). Die Landstraße ist abgesperrt. Nur einzelne Altmilitaristen tauchen mit Gestecken auf.

Mit den organisierten internationalen Militaristen- und Nazifeiern ist es dann vorbei.
Ende der 80er Jahre marschiert noch mal die (inzwischen verbotene) FAP mit vielen Fahnen von Essel zum Soldatenfriedhof. Irgendwann später hinterlassen einige kleine Nazi-Jugendgruppen Duftmarken aus, mit Runen verzierten, Gestecken. Manchmal liegt ein Kranz mit schwarzen Schleifen ohne Aufdruck da. Die HIAG-WaffenSS traut nicht mal ihren Absender darauf anzugeben. Meistens herrscht bis 2006 Ruhe vor Nazigruppen an diesem Ort.

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