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Andrea Röpke hat ein neues Buch über die "Heimattreue Deutsche Jugend", die Nachfolgerin der Wiking-Jugend, herausgegeben.

20. November 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - Bundesweit

Buchtipp:

Literatur
Nazischulung

Ferien im FührerbunkerAndrea Röpke hat ein neues Buch über die "Heimattreue Deutsche Jugend", die Nachfolgerin der Wiking-Jugend, herausgegeben.

Die Buchautorin und Journalistin Andrea Röpke hat eine fundierte Recherchearbeit unter dem Titel "Ferien im Führerbunker. Die neonazistische Kindererziehung der Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ)" als 128seitiges Buch vorgelegt. Die HDJ wurde offiziell im Oktober 2000 unter dem Name "Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) - Bund zum Schutz für Umwelt, Mitwelt und Heimat e.V." als Verein in Berlin gegründet und tritt in die Fußstapfen der einstigen Wiking-Jugend. Mit diesem Verein wird die seit 1945 fast ununterbrochene Tradition der völkischen Jugendarbeit im Sinne des deutschen Faschismus weitergeführt.

"Jugend" war schon immer ein zentraler Begriff in der Agitation und Propaganda faschistischer Gruppen. Der Jugendkult begründet sich aus ihrem Selbstbild: Faschisten wollten immer die neue, kommende Kraft sein, welche mit der alten, überkommenen Ordnung Schluss macht und mit einer "Revolution" die Dekadenz des Ist-Zustandes hinwegfegt. Neben dem Selbstverständnis als jugendlicher Kraft gründete jede faschistische Bewegung ihre eigene Jugendorganisation, um dort die Kämpfer und Kader von morgen nach ihrem Bild zu formen. Während der NS-Herrschaft war dies bekanntlich die Hitler-Jugend. Von ihr, aber auch bei der elitären SS, nahm das Flaggschiff des BRD-Neonazismus, die 1952 gegründete Wiking-Jugend, deutlich Anleihen. Dieses ideologische und organisatorische Vorbild schimmert so sehr durch, dass die Wiking-Jugend aufgrund ihrer Wesensverwandtschaft mit der früheren NSDAP und ihrer Teilorganisation "Hitler Jugend" im Jahr 1994 verboten wurde.

Führungsfiguren

Auch wenn die Wiking-Jugend nie mehr als wenige hundert Mitglieder zählte, gingen in ihrer 42jährigen Geschichte schätzungsweise 15 000 Kinder und Jugendliche durch ihre Lager und Schulungen. Aus der Jugendarbeit der Wiking-Jugend rekrutiert sich ein bedeutender Teil des Kaderstammes des heutigen deutschen Neonazismus. Die beiden NPD-Fraktionsangehörigen Udo Pastörs und Stefan Köster aus dem Schweriner Landtag sowie der Nazibarde Frank Rennicke waren als Kinder und Jugendliche beispielsweise in solchen Camps gewesen. Aber auch Führungsfiguren der so genannten Freien Kameradschaften trugen einst die Uniform der Wiking-Jugend. Teilweise über mehrere Generationen hinweg wurden Kinder mit Volksgemeinschaftsideologie, Rassismus, Antisemitismus und "Recht des Stärkeren" indoktriniert und auch paramilitärisch ausgebildet.

Wie die Wiking-Jugend setzt auch die HDJ auf eine Erziehung in der Tradition des deutschen Faschismus von Kindesbeinen an. Bei den Zusammenkünften der HDJ weht aber nicht nur derselbe Geist wie bei ihren historischen Vorbildern, auch das Aktionsprogramm weist Parallelen auf. Mit Morgenappell, Gewaltmärschen, paramilitärischem Training, Mutproben, rassistischer, antisemitischer und geschichtsverfälschender Erziehung sollen die sieben- bis 25jährigen Kinder und Jugendlichen fit gemacht werden für ihre angebliche Bestimmung als politische Soldaten.
Auf Außenstehende wirkt da manches bizarr, z.B. wenn die Mitglieder angehalten werden, statt "Tabelle" "Übersicht" oder statt "korrekt" "richtig" zu sagen. Wohin allerdings die paramilitärische Ausbildung führen kann, zeigen nicht nur das Vorstrafenregister einiger Funktionäre, sondern die auch im Buch dokumentierten Bilder von Wehrsportübungen und dem Trainieren von Hinrichtungen.

Innenleben

Jedes dritte Wochenende, so Röpke, findet irgendwo im Bundesgebiet ein Ferienlager, eine Wanderung oder Saalveranstaltung der HDJ statt. Die HDJ achtet bei diesen Treffen sehr darauf, ungestört und unbeobachtet zu bleiben. Eine Stärke des Buches ist es, dass die von den Treffen bestens unterrichtete Autorin immer wieder vor Ort ist. So sind die von Röpke veröffentlichten Informationen zum Innenleben der Organisation und ihre Auswirkungen auf Kinder in dieser Form bisher nicht veröffentlicht worden. Auch Kenner der Materie lernen mit diesem Buch hinzu. Das Werk enthält eine Fülle von Namen und Fakten und zeigt gerade damit die personellen Kontinuitäten zwischen Wiking-Jugend und HDJ auf. Wer einen Teil seiner Jugend in der Wiking-Jugend verbracht hat, gibt heute oft sein Kind in die Obhut der HDJ. So hat sich eine regelrechte Parallelwelt für Nazi-Sippen herausgebildet. Im Jargon der HDJ heißt dieses Phänomen dann "volkstreue Familien über Generationen hinweg".

Aus diesem rechtsradikalen Freizeitangebot für die ganze Familie rekrutiert sich momentan auch das personelle Rückgrat der NPD. Am engsten ist die Verbindung zwischen NPD und HDJ im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern. Der "Einheit Mecklenburg und Pommern" sowie der "Einheit Preußen" sind ausführliche Regionalteile im Buch gewidmet. Ein Epilog und ein Personenregister schließen das Recherchewerk über eine viel zu lange unbeobachtete neonazistische Organisation ab. Wer sich für die Strukturen der organisierten extremen Rechten Deutschlands interessiert, dem kann dieses Buch nur wärmsten empfohlen werden.

Andrea Röpke: Ferien im Führerbunker. Die neonazistische Kindererziehung der "Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ)". Bildungsvereinigung Arbeit und Leben Niedersachsen. Braunschweig 2007, 128 Seiten. 5 Euro. ISBN 978-3-932082-31-

entnommen: Junge Welt 04.02.2008

HDJ in Eschede

Nachdem die Wiking-Jugend jahrelang bis zu ihrem Verbot in Hetendorf ihre Pfingstlager inklusive politische Indoktrination und Wehrsport abhielt, droht jetzt ein ähnliches Szenario in Eschede. Das bundesweite Pfingstlager der Nachfolgeorganisation HDJ im vergangenen Jahr sollte ursprünglich in hessischen Hofgeismar abgehalten werden, der dortige Verpächter kündigte den Platz nach Gesprächen mit der Polizei. Der Escheder Landwirt und Neonazi Joachim Nahtz stellte sein Gelände zur Verfügung. Das Tragen der uniformähnlichen HDJ-Kluft wurde verboten, dennoch ging es militärisch zu mit Fahnenappell und lauten Befehlen. Es wurden "Spiele" wie Speerwurf, Bogenschießen, Sackschleudern und ähnliche Körperertüchtigungen durchgeführt. An den Pfingstlagern nahmen auch Angehörige der Kameradschaft "Freie Nationalisten Rhein-Main" teil.
Die Ähnlichkeiten zu den Umtrieben in Hetendorf bis 1994 sind schon erschreckend, es bleibt abzuwarten, ob der Hof Nahtz neben den inzwischen leider bei ihm üblichen Nazitreffen zu den kulturellen Höhepunkten der Anhänger der neuheidnisch-neonazistischen Szenen, wie z.B. Sonnenwendfeiern und Erntedankfeier, sich nun auch zum regelmäßigen Treffpunkt der HDJ entwickelt.

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