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Ein schwieriger Spagat zwischen zwei Welten

1. Dezember 2008 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Freiheitsrechte



 

Ein schwieriger Spagat zwischen zwei Welten

Vortrag und Diskussion zur Geschichte und Kultur der Kurden

Metin Baris, Magisterabsolvent der Politik- und Geschichtswissenschaften der Uni Hannover, und Lokman Baris, Journalist, kommen beide aus Walsrode – und waren daher auch sofort bereit, auf Einladung des Jugend-und Kulturzentrums, in ihrer deutschen Heimat über ihre kurdische Kultur, ihre Geschichte und ihre Probleme zu informieren. Denn vor allem junge Kurden leben in einer zwiespältigen Welt zwischen ihrer Familie auf der einen und der deutschen Gesellschaft auf der anderen Seite. Eine Situation, die es zu verstehen gilt, wenn Integration funktionieren soll.

Walsrode. Perspektivlosigkeit, Vorurteile, Generationenkonflikt – wie soll da Integration stattfinden? Wenn die kurdischen Eltern selbst kaum Schulbildung haben und der Gesellschaft und dem Leben in Deutschland skeptisch gegenüber stehen? „Da ist es kein Wunder, wenn die jungen Kurden zwar Deutsch besser sprechen als ihre Muttersprache, aber dennoch – vor allem die Eziden – kaum auf höheren Schulen in Deutschland zu finden sind“, sieht Metin Baris durchaus schon die grundlegenden Probleme in den eigenen Familien. „Viele Eltern verbieten ihren Kindern den Umgang mit Deutschen, aus Angst, ihre Identität zu verlieren. Heirat ist ebenfalls nur untereinander möglich.“ So stünden gerade die kurdischen Jugendlichen unter enormen Druck. „Es hat sich zwar viel getan, aber die Ziel- und Perspektivlosigkeit ist immer noch hoch“, ergänzt Lokman Baris.

Die beiden Referenten versuchten, ihrem überwiegend deutschen Publikum das schon historisch gewachsene Dilemma der Kurden und ihrer bewegten, entwurzelten Geschichte aufzuzeigen, um so für mehr Verstädnis zu werben. Denn die Kurden waren schon immer ein Volk ohne eigenes Land, „ein eigenständiges Kurdistan hat es nie gegeben“, so Lokman Baris. Hinzu kommt noch eine starke Abgrenzung zu anderen Volks- und Religionsgruppen und eine starke Zersplitterung auf viele Länder – von der Türkei, über Irak, Armenien bis nach Russland. Es gibt weder genaue Zahlen (rund 25 bis 40 Millionen Kurden soll es weltweit geben), noch eine genau belegte, schriftlich erfasste Geschichte der Kurden. Die Traditionen werden auch heute noch fast überwiegend mündlich weitergegeben.

In vielen Ländern, in denen die bevölkerungsstärksten Gruppen leben, werden Kurden verfolgt, und wenn nicht das, dann zumindest unterdrückt und in der Auslebung ihrer Kultur unterdrückt. Unterschiedliche Sprachen und Religionen, zum Beispiel die der Eziden (Yeziden), erschweren es zudem, nach außen hin als geschlossene kurdische Gemeinschaft aufzutreten. „Wir sind keine Türken“, macht Lokman Baris, selbst Ezide, deutlich und hat auch Kritikern der Autonomie-Bestrebungen etwas entgegenzusetzen: „Oft wird gefragt, was ist, wenn plötzlich auch die Bayern unabhängig sein wollen? Dann sage ich: Das sind Deutsche, sie sprechen deutsch, sie sind Christen. Wir Kurden müssen unsere Sprache, unsere Kultur, unsere Religion verleugnen.“

So ist es auch für die rund 1500 bis 2000 Eziden im Landkreis Soltau-Fallingbostel täglich ein neuer Spagat zwischen zwei Welten, dem Metin und Lokman Baris mit mehr Aufklärung, mit mehr Engagement seitens der deutschen Behörden, Schulen, Kommunen entgegentreten wollen. Aber wie groß ist überhaupt die Bereitschaft der Kurden, sich zu integrieren? „Die ist schon hoch, gerade bei den Jüngeren“, sagt Metin Baris, „aber viele sind gehemmt durch die Verbote in ihren Familien. Viele sind sprachlich schon integriert, aber moralisch eben nicht.“

 


Quelle: Walsroder Zeitung Online 01.12.2008

Hier nochmals die behandelten Programmpunkte
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