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Carl-Peters eine Erarbeitung der Geschichtswerkstatt Hannover e.V.

1. Januar 2009 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Historisches

Die Geschichtswerkstatt Hannover e.V. erarbeitete im Columbusjahr die Ausstellung:
 "die anderen aber vollends im Elend ..." 
Columbus und Norddeutschland 1492 - 1992
.

Die Urheberrechte liegen bei der Geschichtswerkstatt Hannover eV. und den AutorInnen. Veröffentlichung und Verbreitung ist nur mit Genehmigung der UrheberInnen erlaubt.

Ein Teil der Ausstellung (und eine der Ausstellungsbroschüren) beschäftigte sich mit Carl Peters.

Nach langer und intensiver öffentlicher Auseinandersetzung benannte der Stadtrat von Hannover 1991 den bisherigen Carl-Peters-Platz um in Bertha-von-Suttner-Platz. Bis heute sind in der Stadt Hannover noch etliche koloniale Straßennamen vorhanden, obwohl damit brutale Ausbeutung und Massenverbrechen an Menschen verbunden sind. Hier gibt es noch viel zu tun.

In Soltau hat im Herbst 2008 die SPD-Ratsfraktion ohne besondere Widerstände durchgesetzt, dass der Stadtrat die bisherige Carl-Peters-Straße in Zum Ahlftener Flatt  umbenannt hat.

Zur Ausstellung der Geschichtswerkstatt Hannover e.V. von 1992 einige Hinweise:
Im Text ist von "Negern" die Rede, was in den 1960er Jahren üblicher Sprachgebrauch war.  Die Menschen aus Afrika haben uns gelehrt, dass "Neger" ein rassistischer Begriff ist.

Interessant ist im Ausstellungstext auch die Stellungnahme von August Bebel, der die Afrikaner gar als Barbaren bezeichnet, obwohl Bebel aus seinem Selbstverständnis gegen Carl Peters agierte.


aus: Wilfried Westphal: Geschichte der deutschen Kolonien, Berlin 1987, S. 243-247

 

Deutsche Pizarros

Gegen die vereinten Kräfte der Nationalchauvinisten und Kolo­nialenthusiasten vermochten die wenigen, die das Blendwerk durchschauten, nichts auszurichten. Doch sie gaben nicht auf, auch wenn ihre Front – indem der rechte Flügel der Sozialdemokraten sich zum Revisionismus bekannte – zerbrach, und am Ende errangen sie doch noch einen Sieg: Carl Peters wurde der Prozeß gemacht und in Schimpf .und Schande wurde er entlas­sen.

Wir entsinnen uns, Peters hatte sich auf seinen Eroberungs­zügen wie ein Konquistador aufgeführt, und dieses Verhalten fand Dr. Kayser, der Leiter der Kolonialabteilung im Auswärti­gen Amt, der die Verwaltung der Kolonien unterstellt war, auch ganz in Ordnung: »Wenn man eine ganze Reihe von Jahren«, erklärte er, als der »Fall Peters« im Reichstag zur Sprache kam, »amtlich und außeramtlich mit den bekannteren Afrikanern verkehrt, dann findet man es erklärlich, wie in früheren Jahr­hunderten die ersten Entdecker wie Christoph Kolumbus, Amerigo Vespucci, und wie sie alle hießen, allmälig in einen gewis­sen Gegensatz zu ihren Landsleuten und auch zu ihrer Regie­rung gekommen sind. Denn diese Männer, die jahrelang in der Wildnis lebten, die durch eine lange Reihe von Tagen und Mo­naten den größten Gefahren ausgesetzt waren, die für ihr eige­nes Leben und für das Leben ihrer Angehörigen zu sorgen hat­ten, sie fassen häufig das als Heldenthaten und als Maßnahmen gerechter Notwehr auf, was diejenigen Leute, die zu Hause sit­zen und berufen oder nicht berufen sind, diese Dinge zu kriti­sieren, als Grausamkeiten oder Akte ungerechtfertigter Härte hinstellen. Meine Herren, heute sind wir noch nicht in der Lage, obwohl wir auf dem ganz objektiven und unparteiischen Stand­punkt der Geschichte stehen, zu sagen, ob in jenen Zeiten die Auffassung des Amerigo Vespucci und des Cortez oder die der anderen eine gerechte gewesen ist. Und ich meine, bei einer ge­rechten Beurteilung dieser Dinge sollten wir uns vor allem hü­ten, daß wir die Verhältnisse nicht von dem grünen Tisch der Wilhelmstraße Nr. 76, noch viel weniger von dem helleren Tisch dieses hohen Hauses beurteilen, sondern daß, wenn wir streng rechtlich verfahren wollen, wir uns in jene Verhältnisse versetzen müssen, unter deren Zwang und unter deren Not sol­che Dinge vorgekommen sind.«

Er redete wie die Katze um den heißen Brei, der Kolonialdi­rektor, und aus gutem Grund: Er kannte den Sachverhalt zur Genüge, und der war so brisant, daß er auch um seinen eigenen Kopf fürchten mußte. Hatte er doch, als Peters von seiner ge­scheiterten Emin-Pascha-Expedition zurückkehrte, ihn zum Reichskommissar für das Kilimandscharo-Gebiet ernannt und ihm dann, obwohl inzwischen schwere Vorwürfe gegen Peters erhoben worden waren, einen noch lukrativeren Posten am Tanganjika-See angeboten. Diesmal hatte er freilich seinen Schützling nur noch abschieben wollen, denn es war zu be­fürchten, wenn er in der Heimat bliebe, daß die Sache doch noch hochkommen würde. Vorsorglich hatte man sie zu einem Staatsgeheimnis erklärt, was bedeutete, daß der »Fall« jeglicher Untersuchung entzogen war. Auch versäumte man nicht, nach­dem die Sache eine Weile geruht hatte, jenen Rudolf Hofmei­ster, den wir - im Zusammenhang mit der Behandlung der Ein­geborenen - bereits an anderer Stelle erwähnten und der - we­gen seiner humanen Gesinnung - aus dem Heer entlassen wor­den war, unter Polizeiaufsicht zu stellen, als er_- 189$ - die Sache erneut zur Sprache brachte. Doch damit war der Stein endlich ins Rollen gekommen, und da Peters das Angebot des Kolonialdirektors ablehnte - er erstrebte nichts Geringeres als den Gouverneursposten von Ostafrika -, war der Skandal nicht mehr aufzuhalten.

Was Dr. Kayser in seiner Rede vor dem Reichstag noch zu verharmlosen versucht hatte, wurde nun in der Erwiderung Au­gust Bebels, des Führers der Sozialdemokraten, endgültig an Öett~Tag gebracht: »Ende 1891«, wußte er aus verläßlicher Quelle zu berichten, »befand sich Dr. Peters auf einer Expedi­tion nach dem Kilima-Ndscharo. Er ließ sich dort für einige Zeit nieder, und das erste, was er neben der Errichtung seiner eigenen Hütte tat, war die Errichtung eines Galgens, um gewis­sermaßen seine Herrscherstellung in jener Gegend zu doku­mentieren. Nun hatte Dr. Peters zu jener Zeit, wie das bei den Zivilisatoren drüben in Afrika mit Ausnahme der Missionare, wie ich wieder hervorhebe, fast ausnahmslos die Regel ist, eine Eingeborene als Beischläferin erworben. Wie er sie erworben hat, lasse ich dahingestellt. Diese Beischläferin war ein sehr schönes Dschaggamädchen, namens Gidschagga, die Schwester des Häuptlings Manamia in Mamba. Gidschagga mochte von den erzwungenen Zärtlichkeiten des Dr. Peters nicht sehr be­friedigt sein und knüpfte daher ein intimes Verhältnis an mit ei­nem seiner Diener mit Namen Mabrucki. Das erfuhr Dr. Peters, und jetzt gab er sofort den Befehl, das junge Mädchen und den jungen Mann an den Galgen zu hängen, weil das junge Mäd­chen ihm gegenüber einen Vertrauensbruch begangen habe. Der Offizier der betreffenden Expedition, der Leutnant Bronsart von Schellendorff, der noch jetzt in Ostafrika ist, wurde be- . auftragt, die Exekution an den beiden jungen Leuten zu vollziehen. Er weigerte sich dessen, er sagte sich wohl: es handelt sich' , um einen Mord, darauf lasse ich mich nicht ein, das verträgt; sich mit meiner Offiziersehre, mit meiner Ehre als Mensch nicht, ich gebe mich nicht dazu her, - er weigerte sich also. Darauf wurde der Lazarettgehülfe kommandiert, und obgleich die ") beiden jungen Leute kniefällig um ihr Leben bitten, - es hilft nichts, sie werden aufgehängt.«

Daß die Hinrichtungen stattfanden, daran besteht kein Zwei­fel: Dr. Kayser mußte dies schließlich selbst eingestehen. Nur über die Gründe war man unterschiedlicher Meinung. Die Re­gierung vertrat die Auffassung - und berief sich dabei auf ei­gene Untersuchungen, die sich mit den Aussagen Peters' deck­ten -, daß der Reichskommissar kraft seines Amtes als Ord­nungshüter gehandelt habe: Mabrucki, der Diener, sei in Wirk­lichkeit ein Dieb und Gidschagga, die Geliebte, eine Spionin gewesen. Dem hielt Bebel einen Brief entgegen, den Peters an­geblich selbst geschrieben hatte: »Kurze Zeit darauf«, berich­tete er weiter, »wollte Dr. Peters einen Besuch bei der engli­schen Mission in Moschi machen. Darauf schreibt ihm der Bi­schof Tucker als Leiter der dortigen Mission, mit einem Mör­der wolle er nichts zu tun haben. Der Bischof lehnte also den Verkehr mit Dr. Peters ab, indem er ihn des Mordes bezichtigte. Dr. Peters ist natürlich diese Sache sehr unangenehm und schreibt darauf an den Bischof Tucker einen Brief folgenden In­halts, daß er mit dem aufgehängten Mädchen gewissermaßen nach afrikanischem Gebrauch verheiratet gewesen sei und daß ihm nach afrikanischem Recht zustand, die Ehebrecherin mit dem Tode zu bestrafen.«

Die Ironie, die in diesem Eingeständnis liegt, blieb Bebel na­türlich nicht verborgen: »Meine Herren«, fuhr er in seiner Rede fort, »das Wunderbare an diesem Briefe ist, daß ein Vertreters der deutschen Kultur und deutscher Zivilisation in Afrika auf einmal afrikanische Rechte für sich in Anspruch nimmt, sich auf den Boden der Barbaren stellt und sagt: ich bin ja hier euresgleichen, ich handle so wie ihr handelt; jetzt verlange ich dasselbe Recht zu haben wie ihr; das Mädchen hat mir gegenüber, da ich eigentlich ihr Mann war, die Ehe gebrochen, und da habe ich das Recht, den Übeltäter an den nächsten Baum zu hängen, wie ich es getan habe.«

Peters hatte - wenn dieser Brief tatsächlich geschrieben wurde - sein eigenes Werk ad absurdum geführt: War er nicht hinausgezogen, um ein Reich für die christliche Zivilisation, die höhere Kultur der Weißen, zu erobern? Die Farce und Faden­scheinigkeit seines Unterfangens konnte - bei ihm und seines­gleichen - nicht deutlicher zum Vorschein kommen!

Und letztlich ist es belanglos, ob er die Negerin und ihren Geliebten aus Eifersucht oder »um Ruhe und Ordnung zu schaffen« erhängen ließ: Es blieb Mord, was er an den Afrika­nern beging, denn sie hatten sich in keinem Fall eines Kapital­verbrechens schuldig gemacht.

So lautete denn auch das Urteil, das man bereits am ersten Tag der Verhandlung im Reichstag, am 13. März 1896, fällte: »Und ich bin weiter der Meinung«, erklärte Dr. Lieber, der Führer der Zentrumspartei, »der Herr Direktor hat dem Dr. Pe­ters einen schlechten Dienst erwiesen, wenn er, um ihn zunächst im allgemeinen zu verteidigen, ihn mit einem Amerigo Vespucci, einem Fernando Cortez und - es fehlte ja nur noch der edle Dritte im säubern Bunde - mit Francisco Pizarro verglich. Der Herr Ministerialdirektor irrt meiner Auffassung nach voll­ständig, wenn er annimmt, man dürfe solche Eroberer bis dahin unzivilisierter Erdteile nicht nach unserem Maßstab beurteilen, sondern man müsse an sie anlegen den Maßstab der Verhält­nisse, in die sie durch ihre Eroberungszüge geraten. Ich bin der ganz entschiedenen Meinung, das Urteil der Mitwelt, vor allen Dingen aber auch das Urteil der Nachwelt, der Geschichte, wird diese Männer nach den ewig unerschütterlichen und un­verrückbaren Grundsätzen des Rechts und der Sittlichkeit zu richten haben und sich durch nichts beirren lassen, sie n«rnach diesen Grundsätzen zu beurteilen. Und ich hatte bis hierher ge­glaubt, die deutsche Kolonialverwaltung am Ende des neun­zehnten Jahrhunderts steht auf einer anderen Stufe, als daß sie heute noch einen Cortez, Pizarro, Almagro und andere >Hel-den< früherer Jahrhunderte von gleichem Wert entschuldigen möchte. Nein, meine Herren, darum haben wir - meine politi­schen Freunde und ich wenigstens; ich nehme aber an: auch an­dere Parteien - darum haben wir in der That uns für die Kolo­nialpolitik nicht interessiert, um am Ende des neunzehnten Jahrhunderts deutsche Cortez und deutsche Pizarros zu züch­ten !«

Nicht nur Peters, auch Dr. Kayser mußte gehen! Es war wahrlich ein Triumph, den die Kritiker der Kolonialpolitik er­rangen.

 



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