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Gefährliche Aufrüstung der braunen Szene

18. März 2009 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - Bundesweit

Gefährliche Aufrüstung der braunen Szene 

Unter dem Deckmantel „Netzwerk Nord“ haben sich Kameradschaftsstrukturen von Schleswig-Holstein bis Niedersachsen einen neuen informellen Überbau gegeben − die NPD hingegen scheint in Niedersachsen im Winterschlaf zu liegen.

Waffenfunde und Wehrsport in Niedersachsen – die Freien Nationalisten im Norden sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Obwohl sich eine Restrukturierung im Raum Südniedersachsen seit Jahren alamierend abzeichnet, hatte wohl kaum jemand mit derartiger Militanz gerechnet. Noch unter Führung des jetzigen NPD-Vorständlers Thorsten Heise galt die Kameradschaft Northeim als eine der gefährlichsten in der Region. Auch nach dem Fortzug von Heise ins rund 30 Kilometer entfernte Eichsfeld blieben die Kontakte bestehen. Getreue wie Marco Borrmann setzten die Arbeit mit fort. Dirk Niebur baute die Kameradschaft Einbeck auf, deren Vernetzung bis in den Harz nach Osterode und bis nach Göttingen reicht. Polizeiexperten gehen für die Region von Northeim bis Osterode von einer 100 Anhänger starken Szene aus, hinzu kommen rund 70 weitere mobilisierbare Kameraden. Die Razzia am 20. Januar in 32 Wohnungen in den Landkreisen Göttingen, Northeim, Osterode, Hildesheim und Braunschweig bestätigten die starke Vernetzung der Freien Nationalisten.

Die NPD in Niedersachsen dagegen vermittelt den Eindruck, sie liege im Winterschlaf. Keine lauten rechten Zusammenkünfte, kein medienwirksamer Auftritt des ehrgeizigen NPD-Newcomers Andreas Molau in seinem Heimat-Bundesland. Die ansonsten so rührigen Parteistrukturen in Stade erlahmen mit dem krankheitsbedingten Ausfall ihres Chefs Adolf Dammann zunehmend. Nur die Homepage wird anscheinend vom Programmierer René Oehlke aus Wangersen immer wieder pünktlich aktualisiert. In Verden beschränken sich die Aktivitäten zur Zeit auf einen Endlosvortrag des NPD-Gemeinderatsmitglieds Daniel Fürstenberg in Dörverden über „Krippenplätze“ und in Hannover wurde stillschweigend eine neue Führung gewählt. Marc Oliver Matuszewski aus dem Umfeld der Kameradschaftsszene soll die Partei aus dem Tief herausführen, unterstützt von Gerrit Gagelmann. Der organisiert seit Jahren die Vortrags- und Musikveranstaltungen des „Stammtisch Nationaler Kräfte“ (SNK) mit. Die letzte konspirative Zusammenkunft war für den 7. Januar geplant, der ehemalige Vorständler der „Republikaner“, Oberstudienrat Peter Lauer sollte über das Thema „Der deutsche Sonderweg − Unterschiede der staatlichen Erscheinungen auf deutschem Boden zu anderen Staaten“ referieren.

Ohne die Unterstützung durch die Freien Kräfte läuft in Hannover nicht viel. Das beklagt auch NPD-Landeschef Ulrich Eigenfeld gegenüber der „Neuen Presse“. „Die Parteiarbeit ist sehr mangelhaft“, gab er zu, denn alte Mitglieder würden „zu wenig eigene Arbeit“ machen. Die Freien Kameradschaften nutzen das Vakuum.

Freie Gruppen arbeiten an ihrer Verbürgerlichungsstrategie

Auf den Internetseiten des NPD-Landesverbandes der NPD spricht auch Andreas Molau, der beim nächsten Bundesparteitag Bundeschef Udo Voigt ablösen möchte, eine andere Sprache als noch vor der Landtagswahl vor einem Jahr. Damals war Spitzenkandidat Molau gänzlich auf die Zusammenarbeit mit den Freien Kräften in Niedersachsen angewiesen, auch die Zusammenarbeit mit gewaltbereiten Strukturen wie im Weserbergland scheute der ehemalige Lehrer nicht. Heute will er Anderes verkünden: die „Volksfront“, also den engen Zusammenhalt zwischen Partei und Freien Kräften gebe es nicht. Eine Kooperation soll zukünftig „vornehmlich projektbezogen“ stattfinden. In Konkurrenz zu dem allzu militanten Widerstand der Kameradschaften möchte Molau die NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) positioniert sehen, die sich jetzt als „Kampfgemeinschaft im vorpolitischen Raum“ profilieren will – und so den dezentral organisierten Kameradschaften den Rang ablaufen möchte.

Die Realität sieht in Niedersachsen allerdings anders aus. Die JN finden wenig Beachtung, einzig Alt-Aktivist Florian Cordes soll gerade am Aufbau einer Struktur im Raum Delmenhorst basteln. Die Freien Kräfte dagegen sind federführend.

Routiniert arbeiten dominante freie Gruppen wie die Snevern Jungs und die Kameradschaft Celle an ihrer Verbürgerlichungsstrategie. Sie besuchen öffentliche Events wie Preisskat oder Blutspende, stärken aber andererseits auch die Reihen nach innen, durch eine eigene Frauenorganisation, die „Düütschen Deerns“ oder eine professionell organisierte Wintersonnenwendfeier für rund 200 Kameraden in Eschede.

Große 1. Mai-Feier ohne Federführung der NPD

Auch Jürgen Rieger mischt weiterhin in Niedersachsen mit. Sein Einfluss auf die Region ist nicht zu unterschätzen. Parallel zur Escheder Feier entzündete er fast unbemerkt von der Öffentlichkeit mit etwa 70 Anhängern aus der „Artgemeinschaft-Germanische Glaubensgemeinschaft“ im Gasthof Eickhof in Niederhaverbeck bei Soltau ein großes Brauchtumsfeuer.

Der größte Clou der Freien Kräfte scheint jedoch die geplante große 1. Mai-Demonstration in Hannover mit bis zu 1000 Teilnehmern, die nicht unter der Federführung der NPD läuft. Sie wurde von Dennis Bührig, Kader der Kameradschaft Celle angemeldet. Unter dem Deckmantel „Netzwerk Nord“ haben sich Kameradschaftsstrukturen von Schleswig-Holstein bis Niedersachsen einen neuen informellen Überbau gegeben. Ihre Vernetzung läuft seit Jahren professionell. Ein neuerlicher Coup gelang den Freien Kräften unter der mutmaßlichen Verantwortung von Tobias Thiessen aus Henstedt-Ulzburg mit einem einzig per E-Mail an niedersächsische Schulen versandten Angebot, „umfangreiche Informationswochen“ an Schulen durchführen zu wollen. Die Aktion unter dem Titel „Neues Volk“ will demnach Jugendliche über Themen aufklären, „die sonst im Lehrplan vernachlässigt werden“. Der Name „Neues Volk“ erinnert an die Propaganda-Zeitung des „Rassepolitischen Amt“ der NSDAP. Die „taz Nord“ klärt über die Hintergrund-Parolen der neuen Initiative auf, die heißen: „Weg mit dem asozialen System, das für Fremde alles tut, für uns Deutsche viel zu wenig“ oder „Rückführung der in Deutschland lebenden Ausländer“. Von einer praktischen Umsetzung des neonazistischen Bildungsangebotes ist bisher nichts bekannt. Vorsichtshalber ließ das Kultusministerium in Hannover eine Dienstanweisung an die Schulen herausgeben, in der Kontaktversuche untersagt werden.

„Drastische Deutlichkeit“ der Gewaltbereitschaft

Während der aufstrebende NPD-Propagandist Molau die angebliche Gewaltfreiheit seiner Anhänger beschwört, treiben die Freien Kräfte ihre Militanz in Niedersachsen auf die Spitze. So wurde bei einem Teilnehmer der Sonnenwendfeier in Eschede und seinen Kameraden aus der Region Winsen an der Aller Waffen, Munition und Propagandamaterial gefunden. Ende Dezember 2008 hatte die Polizei mitgeteilt, dass sich Rechtsextreme dort, in der Nähe eines Sees zu Wehrsportübungen getroffen hätten. Ein 28-jähriger ehemaliger Soldat aus Winsen soll Recherchen der „Celleschen Zeitung“ zufolge die Truppe anführen. Die Polizeiermittlungen ständen noch am Anfang, hieß es.

Bereits Anfang Dezember hatte die Polizei gegen bewaffnete Neonazis in Südnieder-sachsen vorgehen müssen. Bei einer Geburtstagsfeier des Einbecker Kameradschaftsanführers im Göttinger Nachtclub „Moonlight“ waren Ende November 2008 fünf Rechtsextreme mit Besuchern in Streit geraten. Ein Neonazi zog eine Pumpgun und schoss auf den Wirt, der glücklicherweise nicht getroffen wurde. Später warfen die Angreifer dann Molotow-Cocktails auf das Gebäude. Die Polizei fand bei den Männern aus der Kameradschaftsszene in Göttingen und Umgebung neben der Pumpgun, einen Revolver, eine Maschinenpistole, ein Repetiergewehr, vier Bajonette, sowie Munition. Die Polizei ließ verlauten, die Gewaltbereitschaft der Neonazis zeige sich „in aller drastischer Deutlichkeit“. Unter den Verdächtigten sind der Anführer der Kameradschaft Einbeck, sowie Axel B., Betreiber des „eok-Erotik“-Versandes und Mario M., der 2008 ein Rechtsrock-Konzert im „Moonlight“ organisieren wollte und als Waffenfreak gilt. Zwei von ihnen noch in Untersuchungshaft.

Aufmarsch zum 2000. Jahrestag der „Hermannschlacht“

Auch gegen einen weiteren Drahtzieher der südniedersächsischen Neonazi-Szene gehen die Behörden gerade juristisch vor. Marco B. muss sich wegen gefährlicher Körperverletzung im thüringischen Pößneck verantworten. Bei einem Rechtsrock-Konzert in der Immobilie von Jürgen Rieger war es zu Übergriffen gekommen. Anfang Januar verlor B. zudem seinen Job – es war bekannt geworden, dass er etwa zwei Jahre als Schulassistent am Max-Planck-Gymnasium in Göttingen für Hausmeisterarbeiten zuständig gewesen war. Nach Angaben des Landesamtes für Verfassungsschutz ist der 30-Jährige seit vielen Jahren in der rechtsextremen Szene engagiert und regelmäßig bei Skinhead-Konzerten und Demonstrationen präsent. Er nimmt regelmäßig an internen Treffen der als militant geltenden Kameradschaft Northeim teil.

Im Landkreis Osterode, der jetzt maßgeblich von den Polizeidurchsuchungen betroffen war, siedeln sich seit einiger Zeit Neonazis an. Auch das nationale Liedermacherpaar Annett und Michael Müller, sowie ein Musiker der Göttinger Rechtsrockband „Agitator“ agieren von dort.

All diese Vorfälle werden der beabsichtigten nationalen „Graswurzelarbeit“ von Andreas Molau nicht sehr förderlich sein. Hilfreich könnte allenfalls der Versuch des Unterbezirk Osnabrück sein, am 7. März eine Demonstration zum 2000. Jahrestag der Schlacht im Teutoburger Wald durchzuführen. Unter dem Motto: „Die Hermannschlacht: 2000 Jahre Kampf gegen Überfremdung – für nationale Selbstbestimmung“ möchten die Osnabrücker Drahtzieher um Christian von Velsen und Christian Fischer „alle Teile des Nationalen Widerstandes“ motivieren. Ob es gelingt ist offen, Parteikameraden aus Oldenburg waren zuletzt Anfang Januar mit dem Versuch gescheitert einen Aufmarsch erfolgreich durchzuführen.

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