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Wird durch Nichtstun alles besser?

21. März 2009 , Geschrieben von Parents Veröffentlicht in #Kampf gegen Nazis - Bundesweit

Wird durch Nichtstun alles besser?

Menge mit Transparenten

Liebe MUT-Leserinnen und Leser,

es ist noch nicht so schrecklich lange her, dass Frauen, die Opfer von Vergewaltigung geworden sind, in deutschen Gerichtssälen zumindest eine Mitschuld an ihrem Schicksal unterstellt wurde. Schließlich hatten sie womöglich einen Minirock an. Und waren eben Frauen und damit selbst Schuld an der Anziehung, die sie auf Kerle haben. Damit wurden die Opfer in eine Situation gebracht, in der sie sich mit einem Mal für ihre bloße Existenz zu rechtfertigen hatten. Heute werden nur noch in Somalia oder anderen brutalen Sharia-Regionen Mädchen dafür hingerichtet, weil sie vergewaltigt wurden.

Die Empörung darüber ist angebracht, doch sollte sie nicht zu der Illusion verführen, dass so etwas wie Schuldumkehr nur in dieser radikalen Form und nur ganz weit weg existiert. Dieses „selber schuld!“ tönt uns auch hier überall in den Ohren. Freilich wandeln sich die Objekte im Laufe der Geschichte. Trotzdem: Am Ende bleibt die Summe der Schuld auf seltsame Weise genau bei denen hängen, denen Gewalt angetan wurde. Es gehört zum Alltag, zu vermuten, die Schwarzen seien doch irgendwie schuld am Rassismus, die Israelis/Juden schuld am Antisemitismus, und die Demokraten - in Sachsen beispielsweise - schuld am Rechtsextremismus. Die ersten beiden Modelle sind Ihnen sicher vertraut, aber das dritte? Das glauben Sie nicht?


Foto (Kulick): Autorin Anetta Kahane (m.) von der Amadeu Antonio Stiftung beim "Geh Denken!"-Protestzug in Dresden

Die Theorie geht so, und ich schwöre, das ist kein Scherz: Hätten wir in Dresden nicht gegen den größten europäischen Aufmarsch der Nazis mobilisiert, dann wären auch nicht so viele gekommen. Nazis. Nicht Nazigegner. Und weil nach den Gesetzen der politischen Schwerkraft das Gegenteil von Rechtsextremismus ja Linksextremismus sein muss, sind wir eben Linksradikale und liefern uns mit den Rechtsradikalen Eskalationsspiralen. Genau wie im Nahen Osten übrigens. Da ist es ja auch ganz falsch, sich zu wehren. Also, meinen einige Leute aus der sächsischen CDU, ist das beste Mittel gegen Neonazis, sie einfach zu ignorieren. Still zu halten, wenn sie angreifen. Und die Dresdner nicht mit der lästigen Erklärung von zehntausend „Geh Denken“-Demonstranten zu verwirren, dass die Trauer um die Opfer des Bombenangriffs nicht von Nazis missbraucht werden darf. Die Nazis einfach ins Leere laufen lassen, so muss man reagieren. Und die Medien sollten auch nicht berichten, sonst machen auch sie sich mitschuldig am Erfolg der Kameraden. Das ist eine erfolgreiche Strategie, sie hat schon unter der Regierung Biedenkopf prima funktioniert; bei ihm waren die Sachsen schon immun gegen Nazis, als die Zone Sächsische Schweiz gerade national befreit wurde.


Foto (Reusinger): NPD-Führungsriege in Dresden 2009

Also kein Problem mit Nazis in Sachsen – bis auf ein paar Einzelfälle, die jetzt im Parlament sitzen. Doch auch die würde es nicht geben, wenn nicht politisch vielleicht sogar gut gemeinte, aber vollkommen „kontraproduktive“ Aktionen von „außerhalb“ die Menschen zwingen würden, rechtsextrem zu werden und zu wählen. Ja, manche von den Kontraproduktiven brauchen die Nazis geradezu, weil sie sonst nichts besseres zu tun hätten; sie sind deshalb daran interessiert, unschuldige Bürger zu nötigen, NPD zu wählen und vom Bombenholocaust in Dresden und seit neuestem auch in Gaza, in aller Trauer, zu schwärmen. Zu denen von „außerhalb“ gehört natürlich auch die Amadeu Antonio Stiftung mit ihrem ganzen suspekten linksradikalen Netzwerk von Mitgliedern der Theodor Heuss Stiftung, mit Richard von Weizsäcker, verschiedenen Bischöfen, dem Zentralrat der Juden, dem Zentralrat der Sinti und Roma, Abgeordneten aller Parteien, Gewerkschaftern und Künstlern. Also merken Sie sich das: das Gegenteil von rechtsextrem ist immer links - das ist eine Art sächsisches Naturgesetz, und wer etwas gegen Nazis tut, ist selber schuld.

Das mit dem „selber schuld“ funktioniert auch wunderbar bei den Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen. Die Einwanderer sind selber schuld an Diskriminierungen, die Demokraten am Rechtsextremismus und die Juden – wie schon gesagt – am Antisemitismus und hier übrigens auch und gerade bei jungen Einwanderern mit muslimischem Hintergrund. (Dazu hat die Stiftung gerade ein Heft publiziert, das Sie gern bei uns bestellen können). Immer sind diejenigen schuld, die ein Problem oder einen Konflikt an die Oberfläche zerren. Was für ein fabelhaftes Leben könnten wir doch alle haben! Liebe Leserinnen und Leser, wir sollten ernsthaft darüber nachdenken, es gäbe keine Opfer rechtsradikaler Übergriffe, keine toten Obdachlosen oder Migranten, die Synagogen müssten nicht mehr bewacht werden und Mädchen müssten nicht mehr vor Gewalt oder Zwangsehen fliehen und dürften die Röcke so kurz tragen wie sie wollen. Wir müssten alle einfach nur Ruhe bewahren, wenn wir angegriffen werden. Wir müssten ins Leere laufen lassen, was die Täter so anstellen - und vor allem müssten wir die Klappe halten. Dann hört schon irgendwie alles von alleine auf. Oder nicht?

Anetta Kahane

Der Text ist dem März-Newsletter der Amadeu Antonio Stiftung entnommen.

www.mut-gegen-rechte-gewalt.de / hk / Titelfoto (Kulick): Demonstranten in Dresden 2009


03.03.2009
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