IGS-Befürworter üben Kritik am Turboabitur
HAZ - IGS-Befürworter üben Kritik am Turboabitur
28.04.2009 08:04 Uhr
SchulpolitikIGS-Befürworter üben Kritik am TurboabiturNach dem Vorstoß eines CDU-Wählers melden sich nun die IGS-Befürworter unter den Christdemokraten zu Wort – mit Kritik am Turboabitur.![]()
Archivbild
© Volker Hartmann/ddpHubertus von Wick erinnert sich noch an das Unbehagen, das ihn erfüllte, als er seine erste feste Stelle als Lehrer ausgerechnet an einer Integrierten Gesamtschule (IGS) antreten sollte. Mit 18 Jahren war er – noch als Schüler des Kaiser-Wilhelm-Gymnasiums – in die CDU eingetreten. Sein Elternhaus sei streng konservativ gewesen, der Vater arbeitete als Strafrichter. „Etwas anderes als CDU zu wählen gehörte sich gar nicht“, sagt der 58-Jährige heute. Von Wick befürchtete, an eine „sozialistische Experimentierschule“ zu geraten.
Doch Lehrerstellen waren 1981 rar. Von Wick begann an der IGS Langenhagen, und wandelte sich schon nach kurzer Zeit in einen Befürworter der Schulform. „Das Klima war völlig anders als an anderen Schulen. Die Lehrer nahmen die Schüler ernst. Da wurde niemand runtergemacht.“ Aus der Partei trat von Wick wegen der Barschel-Affäre schließlich aus. Als Wähler blieb der Lehrer, der inzwischen auch zur Schulleitung der IGS Langenhagen gehört, der CDU treu. Doch über die Pläne der CDU-Landesregierung, das Turboabitur an der IGS einzuführen, ärgert er sich gewaltig.
Vergangene Woche ging von Wick deshalb mit seiner Initiative www.cdu-waehler-fuer-gesamtschulen.de an die Öffentlichkeit. In Langenhagen zählen mehrere CDU-Politiker und Unternehmer zu seinen Mitstreitern. Dennoch hatte von Wick mit Anfeindungen und Pöbeleien auf der Internetseite gerechnet. Die blieben aus. „Dafür outen sich nun viele, von denen man es gar nicht gedacht hätte“, sagt von Wick.
Zum Beispiel Rainer Beckmann, ehemaliger Landtagsabgeordneter und seit 41 Jahren im Kreisvorstand der CDU Hannover. „Ich ärgere mich nur, dass ich nicht früher selbst an die Öffentlichkeit gegangen bin“, sagt der Kommunalpolitiker, der eine Tochter und einen Enkel an der IGS Mühlenberg hat. Intern war er seine Partei bereits heftig angegangen, weil er wie viele andere Eltern davon ausgeht, dass das Turbo-abitur das Grundprinzip der IGS zerstört. Ein gemeinsames Lernen von stärkeren und schwächeren Schülern soll motivieren und Aufstiegschancen lange offenhalten. „Es geht hier auch direkt um die Zukunft unserer Kinder und Enkel“, sagt Beckmann.
So wie Beckmann gibt es viele in der CDU. Dort, wo eine IGS existiert, schicken auch CDU-Wähler und Politiker ihre Kinder an diese Schule. Susanne Kranz, Vorsitzende der Frauen Union Hannover, hat selbst 1981 ihr Abitur an der IGS Linden gemacht. „Ich kann das allen nur wärmstens empfehlen. Die IGS bietet Kindern Entwicklungsmöglichkeiten.“ Doch in der Landespartei und damit auch in der Landtagsfraktion stehen sich offenbar mit IGS-Gegnern aus eher ländlich geprägten Gebieten und den Befürwortern aus den Großstädten zwei Gruppen gegenüber. „Das Konzept ist auf dem Land nicht so recht bekannt. Ich finde es problematisch, dass Menschen sich dazu äußern, die keine Erfahrung damit haben“, sagt die Chefin der lokalen CDU-Frauenorganisation. Barbara Frank, schulpolitische Sprecherin der CDU-Ratsfraktion, würde es der IGS am liebsten freistellen, ob sie den Schülern das Abitur nach zwölf oder 13 Jahren anbietet.
Rudolf Köhler, seit 1996 CDU-Ratsherr in Lehrte, hat am Wochenende einen offenen Brief an Ministerpräsident Christian Wulff geschickt. Köhler geht auf das von Parteifreunden vorgebrachte Argument ein, das Abitur nach 13 Jahren an der IGS benachteilige Kinder am Gymnasium, die nach zwölf Jahren die Abschlussprüfung machen müssen. Der 69-jährige ehemalige Lehrer verweist darauf, dass Gesamtschulen zahlreiche Kinder aufnehmen, die Lernschwierigkeiten in dem einen oder anderen Bereich hätten. Er schreibt: „Natürlich brauchen die Lehrer hier mehr Zeit, Engagement, sozialpädagogische Initiativen, um die Schüler erfolgreich zum Abitur zu bringen. Wer dies nicht erkennt, handelt verantwortungslos.“
Im Rat von Lehrte hatte Köhler als Einziger aus seiner Fraktion für die Gründung einer IGS gestimmt. „Ich bin froh, dass auch die CDU jetzt aufwacht“, sagt der Pädagoge, der sich seit Langem für diese Schulform engagiert. Bisher hatte Köhler sich damit abgefunden, in seiner Partei eine Minderheitenmeinung zu vertreten. „Aber sollte die CDU das IGS-Turboabitur durchsetzen, trete ich nach fast 40 Jahren aus dieser Partei aus und werde versuchen, viele Gleichgesinnte mitzunehmen.“
Die IGS List hatte unterdessen gestern Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann zu Gast. „Wir hatten unterstellt, dass viele in der CDU vielleicht gar nicht wissen, wie wir arbeiten“, sagt Schulleiter Oswald Nachtwey. Die Kultusministerin und Rolf Bade, Referatsleiter im Ministerium, nahmen sich zwei Stunden Zeit. Und am Ende, so berichtet Schulleiter Nachtwey, habe die Ministerin das Signal gegeben, dass die Entscheidung über das Turboabitur nun wohl doch nicht bis zum Sommer fallen soll.
von Bärbel Hilbig
/image%2F1377997%2F20150108%2Fob_508aca_kban.jpg)