Rede zur Gedenkverantstaltung am 13.4. 2008 in Belsen-Hörsten
1922 wird er in Moskau geboren als Sohn jüdisch-ukrainischer Eltern.
Mit 18 Jahren wird er zur Roten Armee einberufen,
schon im Juni ’41 wird er nach einer Verwundung gefangen genommen,
von dort in das Stalag nach Wietzendorf verschleppt. Dort herrschten die gleichen menschenverachtenden Zustände wie im Sowjetischen Kriegsgefangenenlager Hörsten, dem Stalag XI C: Die bloße Erde und Laub bildeten die einzige Möglichkeit für die Gefangenen, sich einen geringen Schutz vor Kälte, Regen, Wind mit Händen oder Löffeln zu graben. Von Wietzendorf aus wird Mark Tilewitsch in das Arbeitskommando Meinkingsburg bei Nienburg transportiert, von wo er flieht, aber in der Region Hannover wieder aufgegriffen wird. Es erfolgt seine Verlegung in das Straflager Kirchdorf bei Nienburg, wo er wegen erneuter mutiger Fluchtvorbereitung in das Gestapogefängnis in Nienburg verschleppt wird. Von dort aus schafft ihn die Gestapo ins KZ Sachsenhausen. Das war als sein Ende gedacht. Er wird noch am 2.Mai auf den Todesmarschg geschickt – wir wissen was das bedeutet. Und doch konnte er, wenn auch völlig entkräftet, überleben, weil neben ihm jemand ging, der noch etwas mehr Kraft als er hatte. Noch heute engagiert sich Mark Tilewitsch als Vizepräsident des Internationalen Sachsenhausen- Komitees und des russischen Verbandes ehemaliger KZ-Häftlinge.
Sein Leben ist gekennzeichnet von unvorstellbarem Leid auf unserem Boden, aber auch von viel Zuversicht und bewundernwertem Mut, von Solidarität, die er gab und die er erfahren hat.
Wir danken Ihnen, Herr Tilewitsch, dass Sie den Weg auf sich genommen haben in das Land, das Sie als Angehöriger der Roten Armee zusammen mit den Alliierten unter großen Opfern vom Faschismus befreit haben.
Dieses Land ist leider, aber angesichts des kapitalistischen Gesellschaftssystems nicht unerwartet, zunehmend gekennzeichnet von einer markanten Rechtsentwicklung.
63 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus ist die geschichtliche Mahnung „NIE WIEDER KRIEG – NIE WIEDER FASCHISMUS!“ aktueller denn je. Vieles von dem, was nach 1945 überwunden schien, hat sich ohne Maske zurückgemeldet:
- Drohungen mit militärischer Gewalt und völkerrechts- widrige Angriffskriege sind wieder zu Mitteln der imperialistischen Großmächte geworden.
- Auch deutsche Soldaten stehen - trotz Ablehnung durch die Mehrheit der Bevölkerung - wieder in fremden Ländern. Entgegen dem deutschen Grundgesetz, das doch wie die UN-Charta eine Antwort auf die Verbrechen des Faschismus war, bejaht die geltende Militärdoktrin Kampfeinsätze in aller Welt.
- Im sog. EU-Reformvertrag wird Abrüstung als Ziel der Politik wird überhaupt nicht erwähnt.
- Neonazistische Organisationen haben in Deutschland wieder Zulauf. Trotz negativer Wahlergebnisse (1,5% in Nds.) kann nicht etwa Entwarnung gegeben werden. Neonazis tönen von sog. Befreiten Zonen. Damit meinen sie, dass diese Zonen „befreit“ sein sollen von Juden, Migranten,, Homosexuellen, Behinderten, Flüchtlingen.
Das soziale Klima ist bestimmt von steigender Arbeitslosigkeit einerseits und Vermehrung des Reichtums bei einer Minderheit. Hier können Neonazis demagogisch leicht anknüpfen: Schuld an der katastrophalen sozialen Lage seien die Ausländer, es wird gehetzt gegen Immigranten und Antifaschisten. Soziale Probleme werden von Neonazis in nationale Probleme umgemünzt und propagandistisch benutzt.
Die offizielle Politik zeigt keine Entschiedenheit im Kampf gegen Rechts. Von notwendiger kontinuierlicher finanzieller und politischer Unterstützung z.B. von Antifa-Initiativen vor Ort kann nicht die Rede sein.
Bei Demonstrationen gegen Nazis werden AntifaschistInnen jeden Alters sogar regelmäßig von der Polizei bedroht, verfolgt und körperlich angegriffen.
Angesichts dieser Rechtsentwicklung auf vielen Ebenen der Gesellschaft startete die VVN/BdA ihre Unterschriftenaktion für die Wiederaufnahme eines NPD-Verbotsverfahrens am 27.Januar 2007.
Schon bald wurde sie massenhaft unterstützt von Gewerkschaften und Initiativen in der ganzen BRD. Bis zum 9.November wurden über 175 000 Unterschriften gesammelt.
Es zeugt von entlarvender Ignoranz, dass diese Unterschriften dem Petitionsausschuss des Bundestages seit über einem viertel Jahr vorliegen, ohne dass eine Reaktion erfolgt ist.
Wir wissen, z.T. aus den Medien, z.T. durch eigene Recherche - jedenfalls nicht von V-Leuten - über eine endlose Reihe von Horrorfakten zu berichten: Nur einige Zahlen sollen stellvertretend genannt werden:
Im Jahr 2007 wurden knapp 100 Fälle antisemitisch motivierter Gewalt- und Straftaten amtlich registriert. Die Dunkelziffer nicht angezeigter Delikte ist unbekannt.
Zur Lage der Flüchtlinge in den Jahren 1993-2007 muss gesagt werden:
149 Flüchtlinge töteten sich angesichts ihrer drohenden Abschiebung oder starben bei dem Versuch, vor der Abschiebung zu fliehen
746 Flüchtlinge verletzten sich aus Angst vor der Abschiebung oder versuchten, sich umzubringen,
67 Flüchtlinge starben bei Bränden oder Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte,
14 Flüchtlinge starben durch rassistische Angriffe auf der Straße
So niederschmetternd wie diese Beispiele sind, so ermutigend ist die Tatsache, dass es z.B. keinen Nazi-Aufmarsch ohne Gegendemonstration, keinen entdeckten Laden für rechte CDs und Devotionalien ohne öffentliche Proteste und keine Immobilienkäufe durch Rechte ohne öffentliche Gegenwehr mehr gibt. Das ist grundsätzlich anders als 1933.
Entsprechend unserer Verpflichtung, dem Schwur von Buchenwald, werden wir als VVN/BdA nicht nachlassen:
„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung.
Der Aufbau einer euen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“
Ich bitte nun Mark Tilewitsch, zu uns zu sprechen.

Das Foto zeigt Mark Tilewitsch, ehem. Rotarmist und einer der weinigen Überlebenden des Kriegsgefangenenlagers Wietzendorf, des Arbeitslagers Meinkingsburg, des Straflagers Kirchdorf und des KZ Sachsenhausen am 13.4.08 bei den Gedenkfeiern im KZ Bergen-Belsen und auf dem Friedhof der sowjetischen Kriegsgefangenen in Belsen-Hörsten.
weitere Fotos
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