Beileidsrede anläßlich des Todes Walter Timpes
Beileidsrede anläßlich
des Todes
Walter Timpes
am 12. Juni 2008
Hartmut Tölle / Vorsitzender DGB-Bezirk niedersachsen-Bremen-Sachsen-Anhalt
Liebe Irmgard,
sehr geehrte Familie Timpe,
liebe Freunde und Weggefährten von Walter Timpe
Heute müssen wir Abschied nehmen,
Abschied nehmen von einem Menschen, der uns sehr vertraut ist. Eine Persönlichkeit mit Schwächen und Widersprüchen, aber auch Abschied nehmen von einer Persönlichkeit mit herausragenden Begabungen und Stärken.
Im Mittelpunkt deines gesellschaftlichen Handelns stand der Mensch, das war die große Triebfeder deines unermüdlichen Engagements, diese Haltung hat dich dein Leben lang geprägt.
Aufgewachsen bist du in der Zeit des Nationalsozialismus, am Ende des Krieges warst du 14. Jahre alt.
Die Erlebnisse im Jungvolk und in der HJ, das zerbomte Hannover, die Märsche der Zwangsarbeiter, der Einsatz im Harz für den Endsieg eines verbrecherischen Systems, all dies ist in deinen Geschichten präsent geblieben, genau so wie die Briefe deines Vaters, der als Soldat im 1. Weltkrieg an der Palästinafront gekämpft hat.
Diese Erlebnisse haben dich geprägt, zu einem unbeugsamen Demokraten und einem streitbaren Verfechter für Frieden, Menschenwürde und Gerechtigkeit heranwachsen lassen.
In jungen Jahren hast du dich politisch interessiert und organisiert, deinen Idealen bist du bis zu deinem Tod treu geblieben, konsequent und aufrichtig.
Es ist heute nicht möglich das umfangreiche und aussergewöhnliche Lebenswerk von Walter Timpe zu würdigen.
Walter war ein begnadeter Geschichtenerzähler der über ein ausgezeichnetes Gedächtnis verfügte.
Hinzu kam, dass Walter tagespolitische Ereignisse auswertete und sich ein mehrere Jahrzehnte umfassendes Archiv anlegte. Nicht immer zur Freude von Irmgard, die ihn später der „Hausordnung“ wegen in einen Kellerraum verbannen musste.
Diese zeitgeschichtlichen Dokumente, ergänzt durch die Erlebnisse von Walter als Zeitzeuge, wollten wir gemeinsam aufarbeiten. Besonders wichtig war uns die Zeit der Restauration in der Adenauer Ära.
Der Tod hat seine eigenen Regeln, er hat deinem Schaffen ein endgültiges Ziel gesetzt, überraschend für uns und zum falschen Zeitpunkt für dich.
Dennoch: Zwei Gespräche haben wir dokumentiert – lassen wir Walter zu Wort kommen:
1948 bis 1951 Lehre als Versicherungskaufmann mit Abschluss.
April 1949 Eintritt in die Kommunistische Partei Deutschland (KPD) und in die Jugendorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ).
Ich kann mich noch sehr daran erinnern, als ich zu Hause nun erzählen musste, dass ich Mitglied in der Freien Deutschen Jugend und in der Kommunistischen Partei geworden war, mein Vater wurde fuchsteufelswild – er hat längere Zeit mit mir nur das nötigste gesprochen.
01./02. Oktober 1950 Verhaftung bei der Demonstration des „Komitee Junger Friedenskämpfer“ in Hannover.
Anschließend Prozeß, der Staatsanwalt war der frühere NS-Richter Wilhelm Landwehr
Als Versicherungskaufmann konnte ich nach der Verhaftung nur durch „viele gute Worte anderer meine Ausbildung beenden.
1952 Ausbildung als Journalist an der Fachschule in Erfurt und beschäftigt bei der KPD-Tageszeitung „Die Wahrheit“ und der „Niedersächsischen Volksstimme“
03./04. Mai 1955 Prozeß vor der „Vierten Großen Strafkammer“, dem Landesgericht Lüneburg wegen Adenauerkritischen Artikeln. Das Urteil, ein Jahr Haft, drei Jahre Berufsverbot und Führerscheinentzug.
Die Verpflegung war schlecht, oft gab es „dünne Suppe“, das Personal war aus der Nazizeit und es gab ständig Schikanierungen. Ich bin nur einmal ausgerastet. Ein älterer Wärter drohte mir, dass der nächste Besuchstermin meiner Mutter gestrichen werden könnte. Ich haben diesen bulligen Menschen angeschrien, wenn sie das machen, dann verfolge ich sie nach meiner Freilassung, wenn es sein muss, bis an das Ende der Welt“. Von diesem Zeitpunkt an wurde ich von diesem Wärter bevorzugt behandelt.
In der Niedersächsischen Volksstimme verabschiedet sich Walter Timpe am 24.03.1956 unter der Überschrift „Abschied von den Lesern:
„Der Abschied ist eine alltägliche Erscheinung. Man nimmt ihn morgens, bevor man zur Arbeitsstätte geht, von den Lieben daheim; vor einer Reise von der trauten Umgebung und bei der Hochzeit vom Junggesellendasein.
Ebenso mannigfaltig wie die Anlässe zum Abschied sind, gibt es auch alle möglichen Formen dafür. Man sagt „Ade“ „Tschüss“, Wiedersehen“, und natürlich auch der Kuß ist dabei sehr beliebt.
Ich nehme auch Abschied, wie ja auch schon die Überschrift besagt: für ein Jahr. Während dieser Zeit werde ich nicht in Hannover sein. Meine neue Anschrift lautet: Strafgefängnis Wolfenbüttel…….
Diese Unterkunft, die für 365 Tage und Nächte mich beherbergen wird, ist nicht von mir gewählt worden. Ich erhielt sie am 3. und 4 Mai 1955 von der 4. Strafkammer des Landgerichts Lüneburg wegen einiger während meiner Tätigkeit als verantwortlicher Redakteur der WAHRHEIT veröffentlichter Artikel zudiktiert. Das ist bei mir kein Sonderfall, vor mir wurden bereits sechs andere Redakteure wegen ähnlicher Gründe zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Ohne Zweifel bedeutet das für mich einen starken persönlich Verlust, ein Jahr meiner Jugend trostlosen Gefängniszellen zu widmen. Noch schwerer wird meine nun 60jährige Mutter, die Witwe ist und deren „Einziger“ ich bin, davon getroffen.
Aber noch weitaus schwerwiegender und geradezu alarmierend ist doch, dass bereits schon wieder kommunistische Redakteure auf Grund einiger in Lüneburg nicht genehmer Artikel „festgenagelt“ und auf lange Zeit hinter Gitter verbannt werden. Das sollte nicht nur Kommunisten auf den Plan rufen! Jeder ist dadurch betroffen.
Ich habe stets in meinen Artikeln eine scharfe Klinge geführt. Die Berichte über die hannoverschen Skandalprozesse „D2“ (1954), „Polizei-Skandal-Prozess Nr. 1 (1955) und Polizei-Skandal-Prozess 2 (1956) sind zu einem Begriff geworden. Ich habe mich dabei nicht versteckt, sondern mit „wati“ gezeichnet. Das hat mir natürlich nicht gerade das Wohlwollen der „erlauchten“ Kreise eingebracht.
In der „Ladung zum Strafantritt“ die mir vom Landgericht Lüneburg zur Fahrt gen Wolfenbüttel übermittelt wurde, heißt es
u.a.: „Nicht mitgebracht werden dürfen….Waffen…“. Als Waffe diente mir bisher nur meine Feder. Sie wird also zwangsweise ruhen müssen. Aber dieses Schweigen wird nicht weniger reden!
Während meiner Haftzeit in Wolfenbüttel ist es mir nicht einmal erlaubt,die „Neue Niedersächsische Volksstimme“ zu beziehen. Obwohl ich doch einer ihrer Redakteure war und wieder sein werde.
Nur aus der Ferne kann ich so am Leben unserer Zeitung teilnehmen. Das trifft hart, aber wie bezeichnend ist dies für die bundesrepublikanische Pressefreiheit!
Ich grüße alle Leser in dem festen Gefühl unverbrüchlicher aufrichtiger Freundschaft und der Zuversicht, daß die Menschen guten Willens immer mehr sich finden werden. Bis dann.
Walter hat sich Ende Januar 1958 für einen Studienplatz an der PH Lüneburg beworben. Der damalige Direktor, Prof. Dr. Eyferth schrieb am 15.02.1958 an die „Landesstrafanstalt in Wolfenbüttel und bat um Auskunft: „Hier hat sich ein Walter Timpe/Hannover gemeldet, der aus politischen Gründen zwölf Monate eine Strafe abgebüsst hat (…) Ich wäre dankbar, wenn ich vertraulich eine Beurteilung der Führung des Genannten erhalten könnte; soweit es möglich ist, auch eine Beurteilung, ob Herr Timpe nach seiner Haltung und Intelligenz als guter Lehr denkbar sein würde.
Antwort vom 20.02.1958 von Dr. Hermann, Wolfenbüttel: „… Herr T. hat somit zu den sogenannten politischen Gefangenen gehört, die hier in Bezug auf die Unterbringung und die Arbeit von den übrigen Gefangenen streng getrennt werden. Seine Führung war, wie dies bei den Überzeugungstätern im Durchschnitt der Fall ist, in jeder Weise einwandfrei. Seine Arbeitsleistung gut.
Herr Timpe hat seine strafrechtlichen Delikte auf Grund seiner extemen links gerichteten Überzeugung begangen. Es liegen keinerlei Anzeichen dafür vor, dass er seine Überzeugung während seiner Inhaftierung geändert hat…..
Am 24.02.1958 schrieb Prof. Dr. Eyferth einen Brief an Walter Timpe:
„Sehr geehrter Herr Timpe!
Die Hochschule Lüneburg ist für Ostern mit Aufnahmen überlastet. Während ich mich sonst auf den Standpunkt gestellt habe, dass das Studium auch möglich sei, wenn keine Sicherheit besteht, ob später ein Eintritt in den niedersächsischen Schuldienst erfolgt, so muss ich wegen der beschränkten Plätze doch jetzt den Bedarf des Landes Niedersachsen ins Auge fassen. Nach Ihren Unterlagen muss ich damit rechnen, dass eine Beamtenlaufbahn in dem niedersächsischen Schuldienst nicht möglich sein wird. Ich sehe mich also zu meinem großen Bedauern nicht in der Lage, Sie aufzunehmen………..
November 1958 bis Mai 1960 Arbeit als Journalist. Für die Redaktionen „Das Andere Deutschland“ (Hannover), „Deutsche Woche“ (München), „Deutsche Volkszeitung“ (Düsseldorf), „ Die Andere Zeitung“ (München).
Die Aufarbeitung dieses Abschnitts seines Lebens war Walter sehr wichtig. Er hegte keine Rachegefühle, aber er wollte Gerechtigkeit, auch für sich.
Die Verurteilung in diesem politischen Prozess ist unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten nicht haltbar. Eine Rehabilitierung hat bis heute nicht stattgefunden.
Im Jahr 2001 erhielt Walter das Bundesverdienstkreuz. Die Verleihungsformel lautet –
„Walter Timpe hat sich um die Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht.“
Diese Aussage ist nur zu unterstreichen.
Trotz dieser Erfahrungen war Walter ein Mensch von
ansteckender Lebensfreude; z.B. der „Kölner Karneval“ war ihm wichtig, andere Formen des Narrentums auch die in Hannover, nahm er schlichtweg nicht zur Kenntnis.
Trübsal blasen und Nörgeleien waren ihm fremd.
Jeder von uns hat Gelegenheiten erlebt, in denen Walter uns zum Lachen und zum Lächeln brachte. Davon gab es wirklich viele. Die gemeinsamen Wanderungen in Saalbach bleiben unvergessen, wie Walter mit pädagogisch zweifelhaften Geschichten die Kinder zur Tisch-Disziplin erzog, und diese es ihm mit großen, strahlenden Augen dankten.
Ausgestattet mit einem feinsinnigen Witz, und raumgreifender Gestik bleibt er uns im Gedächtnis. Walter war oft der Mittelpunkt, ohne sich selbst in den Vordergrund zu stellen.
Wer von uns vergißt den Moment, als wir nach anstrengender Wanderung die Bergspitze erreichten und Walter ins Gipfelbuch schrieb,
„Liebe Irmgard, nächstes Jahr
bist du wieder dabei,
dann machen wir die Tour gemeinsam“
Walter war ein Meister der Worte, der tiefgründige Ironie und auch derben Zynismus beherrschte, ohne je den Punkt der Peinlichkeit zu überschreiten.
Walters Absicht war es nie, den politisch Andersdenkenden menschlich zu verletzten, aber er wollte die Dinge auf den Punkt bringen. Ausflüchte und Schwafeleien waren ihm verhasst.
Freundschaft hat Walter viel bedeutet. Walter benutzte das Wort Freund allerdings selten, er wollte Freundschaft, der er vertrauen konnte. Walters Freundschaft war ein Geschenk, eine Bereicherung für jeden von uns.
Zum Abschied lieber Walter,
ein persönlicher Gruß von einem Deiner Freunde in
unser aller Namen.
„Schade Walter, ich hätte gern noch einmal genossen mit Dir und den Freunden über den Wolken zu wandern. Jeden Stein hättest Du im Zweifel mit Deinem Witz aus dem Weg gerollt, jeden Widerstand auch noch mit Deinem charmanten Lächeln überlisten wollen, jetzt müssen wir alleine gehen, aber in unserem Herzen und Gedanken bist Du stets dabei.
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