Zella-Mehlis – Wolfgang Lindenlaub hält nichts von Aktionismus. Der Rektor des Heinrich-Ehrhardt-Gymnasiums weiß, dass damit nichts zu gewinnen ist. Schon gar nicht beim Thema Rechtsradikalismus. Stattdessen setzen er und sein Lehrerkollegium auf eine stetige Auseinandersetzung zu diesem Thema mit den Schülern.
In Sibylle Steinke, Lehrerin für Biologie, Sport und Sozialkunde, hat Lindenlaub in Sachen politische Bildung der Jugendlichen eine besonders engagierte Mitstreiterin in seinen Reihen. Sie setzt auf Sensibilisierung, Aufklärung und gute Argumente. Seit fünf Jahren gestaltet sie in den Klassen 9 bis 12 Projekte zu diesem Thema. Wie in einem Baukastensystem arbeitet sich die erfahrene Pädagogin dabei in den einzelnen Schuljahren voran. Ursachen und Formen der Gewalt, Vorurteile und daraus resultierende Diskriminierung, Flüchtlinge und Migration, Parteiverbot der NPD, Zivilcourage sowie Formen und neues Bild des Rechtsradikalismus – das sind die Schwerpunkte.
Bei deren Vermittlung setzt die Lehrerin auf ganz unterschiedliche Formen der Unterrichtsgestaltung, denn das wenigste davon findet sich im Lehrbuch. Da gehen die Schüler der 9. Klasse ins Regenbogendorf, um dort an einzelnen Schicksalen Gewalt in der Familie und unter Jugendlichen zu thematisieren und Möglichkeiten der Vorbeugung und Bekämpfung von Gewalt aufzuzeigen. Was aus familiären Defiziten im Kindesalter entstehen kann, ist unter anderem Bestandteil eines Projektes in der 11. Klasse. Ein Besuch im Benshäuser Kinderheim und ein Gespräch dort mit Soziologen und Psychologen garantiert eine nachhaltige Auseinandersetzung. Sibylle Steinke fährt mit ihren Schülern nach Berlin und hat dort unter anderem das Holocaustmuseum im Programm. Oder sie schaut mit den jungen Leuten den Film „Die Welle“ über ein Experiment an einer Schule, in dem sich die Jugendlichen innerhalb kürzester Zeit zu Anhängern des Faschismus wandeln.
In der vergangenen Woche bestritten ehrenamtliche Mitarbeiter des Netzwerkes für Demokratie und Courage in Erfurt in der Schule einen Projekttag mit Schülern zehnter Klassen. Denn die Lehrerin weiß: Die Meinung junger Menschen wird vor allem durch das Umfeld, von Gleichaltrigen geprägt. Die Autorität von Schule kann da nur bis zu einem gewissen Punkt wirken. „Wir bereiten Themen vor und nach; aber in manchen Fällen nehme ich mich auch komplett aus dem Unterricht heraus, gehe aus dem Klassenraum und lasse die jungen Leute untereinander diskutieren.“
Hilfe vom Netzwerk „Courage“
Im Netzwerk „Courage“ fand Sibylle Steinke kompetente Partner. Hier haben sich Jugendverbände, Bildungsträger und Bildungsstätten zusammengeschlossen, die gemeinsam gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und für demokratische Entwicklung eintreten. Die Mitglieder, die Projekte in Schulen, Berufsschulen oder Jugendeinrichtungen umsetzten, sind selbst zwischen 18 und 30 Jahren jung und können den Schülern auf Augenhöhe und auf emotionaler Ebene begegnen.
Darüber hinaus finden selbstredend auch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse Eingang in den Unterricht. In Biologie kann die Lehrerin darauf eingehen, dass der von alten und neuen Nazis zur Abwertung andersartiger Menschen missbrauchte Rassebegriff überholt ist. Oder sie bezieht neue Studien zum Beispiel von Wilhelm Heitmeyer ein, Leiter des Institutes für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Der beschreibt in seiner sogenannten Solie-Studie ein Muster, wie Gewalt entsteht. Demnach kann sich Vernachlässigung in der Familie im Kleinkindalter negativ auf die Entwicklung auswirken. „So wie nicht jeder Raucher Krebs bekommt, führt Vernachlässigung im Kindesalter später nicht automatisch zu Gewaltanwendung. Aber die Wahrscheinlichkeit ist viel höher“, nennt Sibylle Steinke einen Vergleich.
Reden statt ausgrenzen
Natürlich mussten auch die Pädagogen am Gymnasium erkennen, dass intensive Auseinandersetzung mit Geschichte, das Thematisieren von heiklen Themen nicht bedeutet, dass alle Schüler für ein demokratisches, multikulturelles und tolerantes Leben plädieren. Wolfgang Lindenlaub, Sibylle Steinke und die anderen wissen um rechtsextremes Gedankengut unter Schülern und Jugendlichen der Stadt. „Aber wir kennen unsere Problemfälle und reden offen mit ihnen“, sagt Lindenlaub. Und seine Kollegin gibt ihnen gern mal Auszüge aus der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“ der Bundeszentrale für politische Bildung und lässt sie Beiträge über rechtsextremistische Gewalt von Jugendlichen oder Bewältigungsstrategien von deren Opfern lesen.
Zivilcourage zu zeigen, Vorurteilen Argumente entgegenzusetzen – das können und müssen junge Leute lernen. Probleme zu tabuisieren bringt da so wenig wie Aktionismus ...
Quelle: Freies Wort
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