Alltagsfaschismus, "Hartz IV"
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Von Reinhold Schramm
Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) spricht sich für einen niedrigeren Hartz-IV-Regelsatz aus: "Bei einem niedrigeren Hartz-IV-Regelsatz würde sich eigene Arbeit vergleichsweise besser lohnen und der Anreiz arbeiten zu gehen wäre stärker." - Die Herrschaften machen sich 'wissenschaftliche' Sorgen um die Kapitalverwertung der menschlichen Arbeitskraft und über die 'Notwendigkeit' einer weiteren Absenkung der Reproduktionskosten für die Ware Mensch.
Forscher der Technischen Universität Chemnitz erweisen der Deutschen Wirtschaft und deren Bourgeoisie ihre Reverenz mit dem Nachweis: Für Menschen außerhalb der Lohnarbeit und profitorientierten Verwertung 'genügen 132 Euro für die allernötigsten Bedürfnisse' - zur Erhaltung der menschlichen Substanz und für deren Wiederverwendung in der (produktiven) Kapitalverwertung.
Anmerkung auch hierzu:
Der 'Wert' einer Gesellschaftsordnung misst sich auch am Umgang mit den Armen in der bestehenden kapitalistischen und imperialistischen profitorientierten und ausbeutungsorientierten Verwertungsgesellschaft. In der bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung - nicht nur in Deutschland und Europa - orientiert sich die Gesellschaftspolitik am Profit- und Verwertungsinteresse der herrschenden Schichten und Klassen: am Privat- und Gesellschaftsinteresse der (Privat-) Eigentümer, der Anteilseigner, Rentiers und Aktionäre der entscheidenden Produktionsmitteln und an deren Verfügungsgewalt über die abhängige und differenzierte Lohnarbeit; - an der 'privaten' und gesellschaftspolitischen Verfügungsgewalt an der psychischen und physischen Arbeitskraft; - an der 'privaten Verfügungsgewalt' über die Produzenten aller materiellen Werte und des gesamtgesellschaftlichen Lebens.
Analogien zu den aktuellen - noch modifizierten - sozialfaschistischen und kapitalfaschistischen Wissenschaften und zur Kriminalisierung der Opfer der kapitalistischen Gesellschafts- und Verwertungsordnung im heutigen Deutschland und Europa!
Deutsche Geschichte und Gegenwart:
Die Ernährung der KL-Häftlinge und aktuelle Analogien zu Hartz IV.
>Jede statistische Angabe, gleichgültig, welches Gebiet sie betrifft, ist mehrdeutig. Sie kann nur einen Schlüssel zur Erkenntnis der Wirklichkeit bieten. Das gilt auch für die Zahlen, die über die Ernährungszustände in den deutschen Konzentrationslagern zur Verfügung stehen. Sie müssen kritisch genommen werden. 3000 Kalorien täglich sind für einen Schwerarbeiter nicht dasselbe wie für einen Geistesarbeiter, für eine Frau nicht das gleiche wie für einen Mann, für einen jungen Menschen, der wächst, etwas anderes als für einen Greis. Und es ist ein unterschied, ob man im Freien arbeitet oder in geschlossenen Räumen, ob bei guter oder schlechter Witterung. Bei bloß 1800 Kalorien täglich verschärft sich die Relativität noch. Und wenn ein Mensch bereits chronisch unterernährt ist, kann er mit einem Ernährungssatz, der normalerweise vielleicht ausreicht, nicht mehr auf die Beine gebracht werden.
Ferner ist der Unterschied zu bedenken, der zwischen Zahlen besteht, die auf dem Papier stehen, und Nahrung, die wirklich bereitgestellt wird. Die KL-Häftlinge haben nie das Wenige tatsächlich voll erhalten, das für sie vorgesehen war. Zuerst nahm sich die SS weg, was ihr passte. Dann 'organisierten' sich die Häftlinge die in den Magazinen und Küchen beschäftigt waren, nach Strich und Faden ihr Teil weg. Dann zweigten die Stubendienste tüchtig für sich und ihre nächsten Freunde ab. Der Rest gehörte dem schäbigen, gewöhnlichen KL-Häftling.
Schließlich ist es nicht gleichgültig, wie Lebensmittel zubereitet werden. Ein so genannter 'Fraß', ungewürzt und unappetitlich, hat nicht den gleichen Nährwert wie dieselbe Substanz schmackhaft zubereitet, denn die Verdauung ist in beiden Fällen nicht die gleiche.
Dazu die allgemeinen und besonders die seelischen Bedingungen in den KL. Und die Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten, sich außer der offiziellen Ernährung irgendeine Zusatznahrung zu beschaffen.
Nur wer diese Bedingungen berücksichtigt, wird die nachstehende statistische Aufstellung, die für ein KL der Stufe II gilt, richtig werten.
Bis Kriegsbeginn wurde für die Verpflegung der Häftlinge ein Pauschalbetrag zur Verfügung gestellt. Vom 15. Juli 1937 bis zum 28. Februar 1938 durften je Kopf und Tag 55 Reichspfennig verbraucht werden. Das sind im Monat RM 16,50! Man kann sich unschwer vorstellen, wie die Ernährung - selbst bei entsprechend verbilligten Einkauf in großen Mengen - ausgesehen hat. Das sich der Satz sogar für die SS-Verwaltung als zu niedrig erwies, erhöhte man ihn probeweise vom 1. April 1938 bis zum 16. April um 10 Pfennig auf RM 0,65. Das war dem SS-WVHA aber bereits zu hoch, und so wurde die Summe vom 17. April 1938 an auf 60 Pfennig täglich herabgesetzt. Dabei blieb es bis zum Ausbruch des Krieges.< >(...)<
Quelle: Eugen Kogon. Der SS-Staat, Das System der deutschen Konzentrationslager, Wilhelm Heyne Verlag, München 1977. - Auszug: Die Ernährung der KL-Häftlinge, S.136/137 (S.136-142).
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