Der Schatten der Vergangenheit
| Das Jahr 1968 | |||
| Der Schatten der Vergangenheit | |||
| Das große Echo einer Ohrfeige | |||
| Von Wilfried Mommert, dpa Berlin. Die deutsch-französische Journalistin Beate Klarsfeld sorgte vor 40 Jahren mit ihrem spektakulären Auftritt auf dem CDU-Bundesparteitag in Berlin für ein „schlagendes Finale“ des Unruhe- und Revolte- Jahres 1968 in Deutschland. Am 7. November versetzte sie dem damaligen Bundeskanzler der Großen Koalition, Kurt Georg Kiesinger (CDU), in aller Öffentlichkeit und mit dem Ruf „Nazi!“ eine schallende Ohrfeige. Ein bis dahin einmaliger Vorfall in der alten Bundesrepublik, dem noch am selben Abend ein Schnellgerichtsverfahren mit der Verurteilung der damals 29-Jährigen zu einem Jahr Gefängnis wegen „öffentlicher Beleidigung in Tateinheit mit Körperverletzung“ folgte. Für ihren damaligen Rechtsanwalt Horst Mahler, der später in die linke Terroristenszene geraten und nach seiner Freilassung aus der langjährigen Haft in der Neonaziszene aktiv werden sollte, war das „ohne Beispiel in der Nachkriegsgeschichte West-Berlins“. Ein von der Staatsanwaltschaft beantragter Haftbefehl wurde aber abgelehnt mit der Begründung, Klarsfeld sei ja „Überzeugungstäterin“. Einige Monate später wurde das Urteil in der Berufung auf vier Monate mit Bewährung herabgesetzt.
Schon im April 1968 nannte sie von der Tribüne des Bundestages Kiesinger als Nazi und forderte seinen Rücktritt, woraufhin sie aus dem Saal entfernt worden war. Nach der Ohrfeige in Westberlin war Kiesingers erste Frage denn auch: „War das die Klarsfeld?“ Ihre Ohrfeige hatte Kiesingers linkes Auge getroffen und eine leichte Bindehautentzündung verursacht. Die junge Frau hielt Kiesinger vor, er sei mit 29 Jahren 1933 in die NSDAP eingetreten und im Kriegsjahr 1940 von Außenminister Ribbentrop in die Rundfunkpolitische Abteilung des Auswärtigen Amtes berufen worden, wo er für die NS-Propaganda gearbeitet habe. Was auch im in der DDR erschienenen Braunbuch über „Kriegs- und Naziverbrecher“ in Westdeutschland und Westberlin, so der Titel, nachzulesen war. „Ich habe Bundeskanzler Kiesinger geohrfeigt, weil ich der ganzen Welt beweisen wollte, dass ein Teil des deutschen Volkes, ganz besonders aber seine Jugend, sich dagegen auflehnt, dass ein Nazi an der Spitze der Bundesregierung steht“, erklärte Klarsfeld zur Rechtfertigung. Das öffentliche Aufsehen nach der Ohrfeige war seinerzeit über Westdeutschland hinaus gewaltig. Manche rechtfertigten das harte Urteil im Schnellgerichtsverfahren und erinnerten wie der Richter an die Weimarer Republik und die Versuche, politische Überzeugungen mit Gewalt durchzusetzen. Andere meinten dagegen, das ungewöhnlich harsche und rasche Urteil rechtfertige die Tat und schrieben damals in Leserbriefen unter anderem, ohne „Mitläufer wie Kiesinger“ wäre es Hitler nichtmöglich gewesen, „unsere Generation um die Jugendjahre zu betrügen“. Von Hysterie war in Stellungnahmen der Unionspolitiker nach der Ohrfeige die Rede. Der damalige Westberliner CDU-Vorsitzende Franz Amrehn nannte Klarsfeld eine „hysterisch verhetzte Person“. Persönlicher in Richtung Stammtisch- Niveau wurde der CDU-Politiker Ernst Lemmer – er sprach von einer „unbefriedigten jungen Frau“. Die äußere Erscheinung der jungen Frau spielte in der damaligen Berichterstattung zu Hochzeiten des Kalten Krieges, während denen von DDR-Seite aus zielgerichtet auf Fälle wie Kiesinger propagandistisch aufmerksam gemacht wurde, eine Rolle: „Eine zierliche, nicht unansehnliche Erscheinung mit ihren roten Haaren, in rotem Rock und weißem Pullover“, so wurde sie klischeehaft geschildert. Klarsfeld machte in späteren Jahren noch mit vielen anderen Aktionen auf sich und ihre Motive aufmerksam. Mit ihrem Mann Serge Klarsfeld spielte sie eine wichtige Rolle bei der Suche nach dem KZArzt Josef Mengele und dem Gestapo- Chef von Lyon, Klaus Barbie. 1971 versuchte sie gemeinsam mit mehreren jungen Franzosen den für die Deportation von zehntausenden Menschen aus Frankreich verantwortlichen Kurt Lischka gewaltsam aus Köln zu entführen und der Justiz in Paris auszuliefern, weil seine Strafverfolgung in Westdeutschland blockiert wurde. Klarsfeld wurde dafür 1974 zu zwei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt, die Strafe aber zur Bewährung ausgesetzt. Lischka dagegen blieb zunächst auf freiem Fuß, erst 1979 wurde er verurteilt. Unlängst war Klarsfeld erfolgreich mit ihrem Einsatz dafür, dass auch die Deutsche Bahn auf ihrem Gelände eine Dokumentation über die Rolle der Reichsbahn bei den Deportationen von Juden in die Vernichtungslager der Nazis zulässt. Braunbücher beiderseits der Grenze Als Braunbücher gelten regierungsamtliche Veröffentlichungen, die faschistische Täter und Tendenzen entlarven sollen. Das erste Braunbuch erschien über den Reichstagsbrand und seine Hintermänner 1933 in Paris und hatte eine große internationale Wirkung. 1965 veröffentlichte Ostberlin ein Braunbuch über NS-belastete Personen in Politik und Wirtschaft Westdeutschlands, oft in Spitzenpositionen tätig. Dabei wurden rund 1800 Namen aufgeführt. Eine Nachauflage folgte 1968. 2002 nannte der Historiker Götz Aly die Irrtumsquote in diesem Braunbuch deutlich unter einem Prozent. In der alten BRD wurde ein Braunbuch herausgebracht mit den Namen von 876 DDR-Funktionären, die einst der NSDAP angehörten. www.braunbuch.de Kiesinger, Globke, Oberländer, Müller und Hunderte andere Karrieren Von Christian Stelzer und ddp Berlin. „Tatsächlich herrschte Restauration.“ So beschreibt das Magazin „Stern“ das Jahre 1968, als die NPD in sieben Landtagen saß. Damit wurde der Finger auf eine Wunde. gelegt. Jenseits des offiziellen Gedenkens an das Grauen der Nazi-Zeit hatten sich damals in der Bundesrepublik, manchmal auch in der DDR, nationalsozialistische Parteigänger wieder in Amt und Würden gebracht und dabei besonders im Westen überhaupt keine Skrupel gezeigt.
Ein anderer prominenter Nazi war Theodor Oberländer. Er war ein NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, Mitglied der SA und galt als hochbelastet wegen seiner, allerdings nie vollständig aufgeklärten Rolle als Wehrmachts- Hauptmann während der Besetzung der Westukraine. Der Name Oberländer taucht im 2006 erschienenen Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell auf, in dem teilweise fiktiv, teilweise den Tatsachen folgend unter anderem die Vernichtung der Juden in Lemberg (Lwow) 1941 beschrieben wird. Oberländer war Vertriebenen- Minister, musste aber wegen Vorwürfe im Zusammenhang mit seiner Nazi-Vergangenheit bereits 1960 zurücktreten. Ein weiterer Fall, der die deutsch-deutsche Öffentlichkeit über Jahre beschäftigte, war der von Heinrich Lübke. 1968 ging er in die Offensive, um seinen Ruf als Bundespräsident zu verteidigen. Der Vorwurf: Als oberster Bauleiter in der Heeresversuchsanstalt und Luftwaffenerprobungsstelle der Nazis in Peenemünde auf Usedom soll er für den menschenverachtenden Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen verantwortlich gewesen sein. „Verleumdung“, antwortete Lübke, was aber schließlich doch nicht verhindern konnte, dass er 1969 vorzeitig zurücktrat. Der „Spiegel“ reagierte damals mit der Titelgeschichte „Die Präsidentenkrise“. 2001 kam das Magazin auf die Angelegenheit zurück und stellte die Forschungsergebnisse des Historikers Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Nordhausen im Harz, vor. „Unter seiner Regie wurden Tausende Zwangsarbeiter geschunden.“ Es stehe fest, so Wagner, „dass Lübke von 1943 bis 1945 die Verantwortung für den Einsatz von KZ-Häftlingen hatte“. Wagner bestätigte damit das, was von DDR-Seite, sicher propagandistisch aufgeladen (Lübke „als KZ-Baumeister“), im Grundsatz bereits im Braunbuch aufgedeckt worden war. Wagner schlussfolgert: „Lübke war sicherlich kein Kriegsverbrecher.“ Er erscheine aber „als einer der vielen vermeintlich technokratischen Ingenieure und Verwaltungsfachleute, die ihre Kenntnisse in den Dienst des Systems gestellt und dabei die dehnbare Trennlinie zwischen Mitwisserund Mittäterschaft überschritten haben, ohne selbst überzeugte Nationalsozialisten gewesen zu sein“. Ein Urteil, das sicher auch für einstige NSDAP-Mitglieder gilt, die später in der DDR Karriere machen konnten. Mancher wurde, nachdem seine Biographie via Westdeutschland bekannt gemacht worden war, oft über Nacht aus dem Verkehr gezogen, denn solche Peinlichkeiten waren geeignet, das Selbstbild vom antifaschistischen deutschen Staat zu beschädigen. So schickte man Vincenz Müller und Arno von Lenski, hohe Offiziere der Wehrmacht und der Nationalen Volksarmee, in den Ruhestand geschickt – ohne Aufhebens. Einstige Parteigänger der Nazis wurden zur Zielscheibe deutsch-deutscher Propaganda-Schlachten. |
Quelle: Nordkurier.de 07.11.2008
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