Notbetreuung in der Kita
Neues Deutschland
in Offenbach (Hessen)
Klare Parole beim Warnstreik
22.02.2008 / Wirtschaft/Soziales / Seite 9
Notbetreuung in der Kita
Erzieherinnen fordern von Kommunen Anerkennung ihrer Leistung
Von Reimar Paul, Göttingen
Am Donnerstag wurden dieWarnstreiks im öffentlichen Dienst fortgesetzt. Ein Schwerpunkt war Niedersachsen.
»Heute Warnstreik«. Transparente am Eingang nennen den Grund, warum die meisten
städtischen Kindertagesstätten in Göttingen an diesem Donnerstag geschlossen sind. Statt
Kindern Brote zu schmieren und Müsli zu mischen, haben sich viele Erzieherinnen zu einem
Streikfrühstück in der ver.di-Geschäftsstelle getroffen. Auch Mitarbeiterinnen anderer
Einrichtungen im Jugendbereich und vom Sozialamt sind gekommen. Bei Kaffee und belegten
Brötchen bemalen sie Betttücher mit Parolen für die Demo am Mittag.
Im Tarifkonflikt des öffentlichen Dienstes hat die Gewerkschaft für diesen Tag die Beschäftigten
der Kitas in Niedersachsen und Bremen zu Arbeitsniederlegungen und Protestaktionen
aufgerufen. Auch Mitarbeiter von Gemeindeverwaltungen, Abfallentsorgung, Kliniken und
Sparkassen nehmen teil.
»Wir haben die Eltern schon letzte Woche über die Schließung informiert«, sagt Erzieherin Vera Thölke in Göttingen. Die meisten
hätten Verständnis für die Protestaktion gezeigt. »Nur ein Vater, der selber Unternehmer ist, war sauer.« In einigen Kitas, wo Eltern
unbedingt auf Betreuung der Kinder angewiesen seien, gebe es »Notgruppen« mit einer Erzieherin.
»Für ein paar Tage muss das mal so gehen«, sagt eine Mutter. Auch Saskia Söder vom Gesamtelternbeirat der städtischen Kitas in
Hannover versteht die Ängste und Sorgen der Beschäftigten. »Wir sehen das gleiche Ziel, die Betreuung unserer Kinder so gut wie nur irgend möglich zu gewährleisten.«
Ver.di fordert für die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes acht Prozent mehr Lohn und Gehalt. Die Arbeitgeber haben bislang fünf
Prozent angeboten, verteilt auf drei Jahre und bei längerer Arbeitszeit. »Für die Teilzeitbeschäftigten bedeutet das unterm Strich ein
Minus«, sagt Birgit Kücking. Die gewerkschaftlich organisierte Erzieherin ist schon streikerfahren. Laut Gewerkschaft arbeiten
bundesweit drei Viertel aller Erzieherinnen in Teilzeit. Eine Kita-Beschäftigte, die 28,8 Stunden proWoche arbeite, erhalte in Bremen
gerade mal 1050 Euro netto. Damit habe sie Anspruch auf Aufstockungsleistungen nach Hartz IV.
Bei den Kommunen hat Niedersachsens ver.di-Leiter Siegfried Sauer »volle Kassen« festgestellt. »Deshalb sind jetzt die
Beschäftigten dran.« Im vergangenen Jahr habe der Haushaltsüberschuss der Städte und Gemeinden 6,4 Milliarden Euro betragen,
in diesem Jahr sei mit 4 Milliarden zu rechnen.
Petra Mänz, auch sie Erzieherin in einer Göttinger Kita, verweist auf die ständig steigenden Belastungen: Elterngespräche,
Teamsitzungen, Planungskonferenzen, auch außerhalb der Arbeitszeit. »Wir verlangen Anerkennung und Wertschätzung unserer Leistung.«
Mit Trillerpfeifen und Transparenten ziehen die Erzieherinnen am Mittag durch die Innenstadt. Etliche Mitarbeiterinnen, die nicht in der
Gewerkschaft sind, laufen mit. Obwohl sie kein Streikgeld von ver.di bekommen, wollen sie notfalls bis zu drei Tage mitstreiken. Vor
dem Alten Rathaus stapeln die Frauen alte Blusen und T-Shirts. Birgit Kücking: »Wir geben symbolisch unser letztes Hemd.«
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