Antisemitismus im Fußball
»Gesellschaftsfähig«
Antisemitismus im Fußball: Unterträgliches im Alltag der Spieler von TuS Makkabi Berlin
Von Arndt Sändig Sie bekamen den Hitlergruß zu sehen und »Synagogen müssen brennen!« zu hören. Oder »Auschwitz ist wieder da!« Seit Jahren sind die Fußballer von TuS Makkabi Berlin antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Im Herbst 2006 grölten Neonazis im Spiel bei der VSG Altglienicke unentwegt und unüberhörbar Parolen wie »Dies ist kein Judenstaat!«, die der Schiedsrichter partout nicht vernommen haben wollte. »Wenn Sie einen Funken Anstand haben, müssen Sie uns jetzt helfen«, wandte sich Kapitän Vernen Liebermann an den Referee. Ohne Erfolg. Nach 78 Minuten verließ Makkabi aus Protest das Spielfeld. Die Partie wurde abgebrochen. Liebermann hatte Gelb-Rot wegen Reklamierens gesehen.
Mit Davidsternen auf den Trikots spielen bei Makkabi auch Christen, Muslime und Buddhisten. Die Spieler kommen aus Israel und Deutschland, Asien und Nordafrika. Oft treffen Anfeindungen Fußballer nichtjüdischer Herkunft, auch in diesem Jahr. »Ich ficke diesen Scheiß-Judenverein!« pöbelte im Februar ein Aktiver der Reinickendorfer Füchse. Ende März zeigte ein Zuschauer in Adlershof den Hitlergruß. Ein anderer beschimpfte eine Makkabi-Betreuerin mit Naziparolen. »Beschimpfungen wie ›Judensau‹ oder ähnliches sind immer wieder zu hören, und man hat sich, so schlimm das auch ist, schon fast daran gewöhnt«, sagt Roger Dan Nussbaum vom Dachverband Makkabi Deutschland.
Nun hat sich unter der Ägide von DFB-Chef Theo Zwanziger einiges getan. Nussbaum ist Mitglied einer DFB-Expertengruppe »Für Toleranz, gegen Rassismus und Diskriminierung« geworden. Bei antisemitischen Pöbeleien zeigt man sich auf offizieller Seite nicht zuletzt aufgrund der DFB-Politik schnell einsichtig. Die Konsequenzen bleiben trotzdem oft hinter den Möglichkeiten etwa der Sportgerichtsbarkeit des Berliner Fußballverbandes (BFV) zurück. »Der Verband reagiert zu lax«, kritisiert Tuvia Schlesinger, Vorsitzender von Makkabi und Vize der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde. »Es ist der Eindruck entstanden, uns darf man ungestraft beleidigen.« Das sei »gesellschaftsfähig« geworden. Nie hätten die Sportrichter in Berlin ein Team nach antisemitischen Anfeindungen mit Punktabzug bestraft. Rechtsbeugung nennt Schlesinger das.
Als Makkabi unlängst bekannt gab, aus Protest künftig zu allen Spielen zehn Minuten zu spät aufzulaufen, mahnte der BFV in einem Schreiben die Vereine, den Spielbeginn nicht ohne »handfesten Grund« zu verzögern. Auch BFV-Präsident Bernd Schultz räumt ein, daß die Sportrichter das Verbandsrecht nicht in aller Härte umsetzen. Und verspricht, Schiedsrichter in Schulungen sensibilisieren zu lassen.
Das Problem antisemitischer Umtriebe beschränkt sich freilich nicht auf die Hauptstadt. In der Oberliga Nordost hatten »Fans« des Halleschen FC die Gastmannschaft mit »Juden Jena« beschimpft, als ein Spieler sich zur Ausführung einer Ecke der Hallenser Kurve näherte. Der MDR hatte die Rufe aufgezeichnet. Wieder hatten Refereetrio und Schiedsrichterbeobachter nichts gehört. Allerdings stand der Assistent bei Ausführung der Ecke in unmittelbarer Nähe der Kurve. Daß der Nordostdeutsche Fußballverband dem HFC drei Punkte abzog, kritisierten dessen Verantwortliche als »Schandurteil«, verhängten einen MDR-Boykott und gingen in Berufung.
Zwar spielt Makkabi Berlin zwei Ligen tiefer als der HFC. Probleme mit größeren Ansammlungen rassistisch aufgeheizter Zuschauer könnte die erste Mannschaft jedoch bekommen, falls sie »versehentlich« aufsteigt.
Quelle: Junge Welt
Mit Davidsternen auf den Trikots spielen bei Makkabi auch Christen, Muslime und Buddhisten. Die Spieler kommen aus Israel und Deutschland, Asien und Nordafrika. Oft treffen Anfeindungen Fußballer nichtjüdischer Herkunft, auch in diesem Jahr. »Ich ficke diesen Scheiß-Judenverein!« pöbelte im Februar ein Aktiver der Reinickendorfer Füchse. Ende März zeigte ein Zuschauer in Adlershof den Hitlergruß. Ein anderer beschimpfte eine Makkabi-Betreuerin mit Naziparolen. »Beschimpfungen wie ›Judensau‹ oder ähnliches sind immer wieder zu hören, und man hat sich, so schlimm das auch ist, schon fast daran gewöhnt«, sagt Roger Dan Nussbaum vom Dachverband Makkabi Deutschland.
Nun hat sich unter der Ägide von DFB-Chef Theo Zwanziger einiges getan. Nussbaum ist Mitglied einer DFB-Expertengruppe »Für Toleranz, gegen Rassismus und Diskriminierung« geworden. Bei antisemitischen Pöbeleien zeigt man sich auf offizieller Seite nicht zuletzt aufgrund der DFB-Politik schnell einsichtig. Die Konsequenzen bleiben trotzdem oft hinter den Möglichkeiten etwa der Sportgerichtsbarkeit des Berliner Fußballverbandes (BFV) zurück. »Der Verband reagiert zu lax«, kritisiert Tuvia Schlesinger, Vorsitzender von Makkabi und Vize der Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde. »Es ist der Eindruck entstanden, uns darf man ungestraft beleidigen.« Das sei »gesellschaftsfähig« geworden. Nie hätten die Sportrichter in Berlin ein Team nach antisemitischen Anfeindungen mit Punktabzug bestraft. Rechtsbeugung nennt Schlesinger das.
Als Makkabi unlängst bekannt gab, aus Protest künftig zu allen Spielen zehn Minuten zu spät aufzulaufen, mahnte der BFV in einem Schreiben die Vereine, den Spielbeginn nicht ohne »handfesten Grund« zu verzögern. Auch BFV-Präsident Bernd Schultz räumt ein, daß die Sportrichter das Verbandsrecht nicht in aller Härte umsetzen. Und verspricht, Schiedsrichter in Schulungen sensibilisieren zu lassen.
Das Problem antisemitischer Umtriebe beschränkt sich freilich nicht auf die Hauptstadt. In der Oberliga Nordost hatten »Fans« des Halleschen FC die Gastmannschaft mit »Juden Jena« beschimpft, als ein Spieler sich zur Ausführung einer Ecke der Hallenser Kurve näherte. Der MDR hatte die Rufe aufgezeichnet. Wieder hatten Refereetrio und Schiedsrichterbeobachter nichts gehört. Allerdings stand der Assistent bei Ausführung der Ecke in unmittelbarer Nähe der Kurve. Daß der Nordostdeutsche Fußballverband dem HFC drei Punkte abzog, kritisierten dessen Verantwortliche als »Schandurteil«, verhängten einen MDR-Boykott und gingen in Berufung.
Zwar spielt Makkabi Berlin zwei Ligen tiefer als der HFC. Probleme mit größeren Ansammlungen rassistisch aufgeheizter Zuschauer könnte die erste Mannschaft jedoch bekommen, falls sie »versehentlich« aufsteigt.
Quelle: Junge Welt
Werbung
Diesen Post teilen
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post
/image%2F1377997%2F20150108%2Fob_508aca_kban.jpg)