Wie Neonazis ticken
Über die Gefahr von Rechts und Wege, ihr zu begegnen, sprach JOKER-Reporterin Frederieke Köver mit Michael Quelle von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN).
JOKER: Sind Neonazis im Landkreis ein Thema?
Michael Quelle: Im Landkreis Stade erhalten Parteien der extremen Rechten seit Jahrzehnten einen höheren Stimmanteil als in anderen Teilen von Niedersachsen: Er liegt bei etwa 1,5 bis 3 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die NPD hat von ihren 18 Ratsmandaten bei der Kommunalwahl 2006 in Niedersachsen allein drei im Landkreis Stade erhalten. Eine Befragung des Kreisjugendrings ergab kürzlich, dass eine hohe Anzahl von Jugendlichen eine Bereitschaft hat, die neofaschistische NPD zu wählen. Die von der Polizeidirektion Stade erfassten rechtsextremistischen Straftaten liegen seit Jahren auch über den Zahlen anderer Kreise in Niedersachsen.
JOKER: Warum sind die Rechten gefährlich?
Michael Quelle: Die Neonazis streben als politisches Ziel – im Gegensatz zur heutigen vom Geist der Aufklärung geleiteten Gesellschaft – eine „Volksgemeinschaft“ an. Aus unserer Geschichte des Dritten Reiches wissen wir, wer aus solch einer Gemeinschaft ausgesondert und vernichtet wurde. Auch heutige politische Aussagen von Parteien der extremen Rechten zeigen an, wen sie aus ihrer „Volksgemeinschaft“ aussondern wollen.
JOKER: Wie kann man sie erkennen?
Michael Quelle: Erkennen können wir Neonazis an ihren politischen Aussagen (auch auf ihrer Kleidung) und Taten. Neonazis berufen sich auf das Führerprinzip, versuchen einzuschüchtern und Stärke vorzutäuschen, um ihre Ziele zu erreichen. Betroffen von ihrer Aggression sind vorrangig Menschen, die nicht in ihre „Volksgemeinschaft“ passen. Angst darf man vor Neonazis nicht haben, obwohl sie politisch damit arbeiten.
JOKER: Was kann jeder Einzelne gegen die Gefahr von Rechts tun?
Michael Quelle: Wir müssen Position beziehen gegen die extreme Rechte, uns engagieren für ein solidarisches Zusammenleben, uns gegen soziale Ungerechtigkeit einsetzen und die Menschenrechte verteidigen. Ich erlebe, dass sich viele junge Menschen im Landkreis engagieren, wenn es um die Bekämpfung der extremen Rechten geht. Sie werden aber unzureichend unterstützt. Vorbild beim Engagement gegen die extreme Rechte müssen auch die regionalen Politiker und die ältere Generation sein. Gutes Vorbild ist ein Unternehmen aus Stade. Es spendete einen höheren Geldbetrag für antifaschistische Arbeit und ermöglichte dadurch viele Veranstaltungen, die von Jugendlichen organisiert und besucht wurden. In Wangersen – dort hat die NPD ihren höchsten Stimmanteil – setzten sich Bürger dafür ein, dass ein Gastwirt seine Räume nicht mehr der neofaschistischen Partei überlässt.
Web-Tipp: www.stade.vvn-bda.de
Artikel erschienen am: 30.08.2008 im Tageblatt Online
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